November 30, 2021

Albtraum am Ende der Party-Nacht

Auf den ersten Blick schien alles gut gegangen zu sein: Beherzt hat sich eine junge Frau gegen Catcalling und sexuelle Nötigung gewehrt. Trotzdem ist der Fall für sie alles andere als erledigt, schilderte sie vor Gericht.

von Johanna Tüntsch

„Es war ein einschneidendes Erlebnis. Ich war ein offener, lustiger Mensch, bin gerne unterwegs gewesen. Das ist jetzt alles nicht mehr so“, beschrieb eine Sozialversicherungsfachangestellte, die in Lindenthal wohnt. In den frühen Morgenstunden des 26. September soll sie erst Opfer von Catcalling, also anzüglicher Ansprache, geworden und später vom gleichen Mann in ihrem Hausflur bedrängt worden sein. Der mutmaßliche Täter, ein 27-jähriger Lagerist, der in Mönchengladbach lebt, ist nun in Köln vor dem Schöffengericht am Amtsgericht angeklagt. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Körperverletzung und versuchte sexuelle Nötigung vor.

Begonnen hat alles vor dem Club Reineke Fuchs an der Aachener Straße in der Kölner Innenstadt, erzählte die 23-Jährige: „Ich habe hinter der Absperrung gewartet und wollte mich noch von Freunden verabschieden. Da hat mich jemand von hinten angesprochen. Er wollte wissen, ob ich Sport mache und sagte, dass ich eine tolle Figur hätte, was mich sehr genervt hat.“ Höflich, aber deutlich, habe sie ihn gebeten, sie in Ruhe zu lassen. Dann sei sie mit der Bahn nach Hause gefahren. Beim Aussteigen dann der Schreck: Sie sah den Mann hinter ihr die Bahn verlassen.

Videotelefonat als vermeintlicher Schutz

Am Gleis sei er in die von ihr entgegengesetzte Richtung gegangen. Trotzdem habe sie ein ungutes Gefühl gehabt – und das umso mehr, als sie gemerkt habe, dass der Mann ihr mit einigem Abstand gefolgt sei: „Ich rief eine Freundin an, die noch wach war, und habe über Facetime mit ihr gesprochen, während ich nach Hause ging. Sie war sehr besorgt. Ich sagte noch zu meiner Freundin: ‚Ich finde nicht gut, dass er jetzt weiß, wo ich wohne.‘ Dann habe ich aber das Haus erreicht und die Tür zugesperrt.“

Fremder plötzlich im Treppenhaus

Am Aufzug wartend, habe sie sich in dem Mehrfamilienhaus in Sicherheit gewähnt – als plötzlich wieder der Mann neben ihr aufgetaucht sei. „Ich weiß nicht, wie er ins Haus gekommen ist. Er griff mir an den Oberkörper. Ich habe geschrien und versucht, ihn abzuwehren“, schilderte die 23-Jährige: „Ich glaube, er hat nicht damit gerechnet, dass ich mich so lautstark wehre.“ Bei dem Gerangel seien beide gemeinsam die Kellertreppe hinabgestürzt, wobei sie Schürfwunden und Prellungen erlitten habe. Unten habe er versucht, sie an den Füßen zu ziehen, doch sie habe sich befreit: „Ich bin in den ersten Stock gelaufen und habe den Notruf gewählt.“ Hinter einer Brandschutztür habe sie Zuflucht gesucht und diese mit aller Kraft zugehalten, während ihr Peiniger versucht habe, ihr zu folgen.

Einsatzkräfte der Polizei, die binnen Kürze mit Blaulicht kamen, sollen dann die Situation aufgelöst haben: „Als die Sirenen kamen, ist er die Treppe runtergelaufen“, so die junge Frau. Der Angeklagte lief an der Haustür direkt den Einsatzbeamten in die Arme, wie zwei von ihnen im Zeugenstand aussagten. Dennoch konnte das Geschehen nicht abschließend aufgeklärt werden: Die Darstellung eines Polizisten widersprach deutlich dem, was der Beamte selbst in der fraglichen Nacht dokumentiert hatte. An einem weiteren Prozesstag sollen Kollegen von ihm geladen werden, damit die Gutachterin eine Einschätzung davon bekommen kann, wie benebelt oder klar der alkoholisierte Mann gewesen ist – denn das wird Einfluss auf ein mögliches Urteil haben.

Catcalling soll strafbar werden, fordert Aktivistin

Nach gegenwärtiger Rechtslage sind bei der angeklagten Tat lediglich der Übergriff im Haus und die daraus resultierenden Verletzungen strafbar, sofern das Gericht nach Abschluss der Beweisaufnahme die Vorwürfe als berechtigt einschätzt. Nicht strafbar ist der erste Kontakt, den es nach Angaben der Opferzeugin schon vor der Disco gegeben haben soll: ein anzüglicher Kommentar über die Figur der jungen Frau. „Catcalling“, wird solches Verhalten genannt: sexuelle Anspielungen ohne Körperkontakt. Doch bereits eine Situation wie diese sorgt für Unsicherheit. Das zeigt das Beispiel der 23-Jährigen. Im Wissen, dass Fremder, der ihre Figur kommentiert hatte, ihr folgte, fühlte sie sich auf dem Heimweg so unsicher, dass sie Schutz im Videotelefonat mit einer Freundin suchte.

Catcalling soll in Deutschland strafbar werden, fordert deshalb Aktivistin Antonia Quell und startete eine Online-Petition zu diesem Anliegen. Im Interview mit dem Stern erklärte sie: „Viele vermeintliche Kleinigkeiten, wie ein Pfiff oder ein anzüglicher Spruch, tragen maßgeblich zu einem Unsicherheitsgefühl bei, das viele Frauen vor allem nachts auf der Straße haben. Ich sage immer: Der Tag eines Mannes hat 24 Stunden, der einer Frau solange es hell draußen ist.“

Opfer: „Glauben an die Menschheit verloren“

Angst und Sorge können die Lebensqualität noch weit über eine Tat hinaus beeinträchtigen. So rechnet auch die Frau aus Lindenthal nicht damit, einen Schlussstrich ziehen zu können, sobald das Strafverfahren gegen den 27-Jährigen zu einem Ende kommt: „Ich bin jetzt noch krankgeschrieben und in einer Traumabehandlung. Ich kann immer noch nicht alleine das Haus verlassen. Den Glauben an die Menschheit habe ich ein bisschen verloren.“ Sie hoffe nun darauf, mit therapeutischer Hilfe Schritt für Schritt ins Leben zurückzufinden.

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