September 19, 2022

Die zwei Gesichter des fürsorglichen Pflegers

Drei Frauen im persönlichen Umfeld eines Krankenpflegers erlebten qualvolle Vergiftungserscheinungen, zwei von ihnen starben infolge ihrer Beschwerden. Nun begann vor dem Kölner Landgericht ein Prozess: Die Staatsanwaltschaft wirft dem 41-Jährigen vor, zwei Morde begangen und einen dritten versucht zu haben.

Einen kurzen Moment lang stehen zwei Frauen im Foyer des Kölner Justizzentrums zusammen. Bürgerlich-bieder wirken sie, jede in ihrer Art. Die trägt eine gemusterte Strickjacke und hat ihre langen dunkelblonden Locken mit Klämmerchen zurückgesteckt. Die andere hat einen kinnlangen, fast weißen Bob, trägt goldene Ringe und hat zu dunkler Kleidung einen elegant schimmernden Schal in Orange umgelegt. Als Best Ager würde man beide einordnen – doch angesichts der Umstände darf man annehmen, dass keine von ihnen ihre aktuelle Lebensphase als bestes Alter empfindet. Eine von ihnen hat unlängst ihre Tochter verloren, die andere ein Enkelkind und die eigene Mutter.

Giftlieferung an die Arbeitsadresse

Die Verbindung zwischen beiden Familiendramen ist ein Mann, dem die die Staatsanwaltschaft zwei Morde, einen Mordversuch, gefährliche Körperverletzung und einen versuchten Schwangerschaftsabbruch vorwirft. Als der Angeklagte aus der Untersuchungshaft in den Saal geführt wird, trägt er ein weißes Oberhemd und eine schwarz-weiße Collegejacke. Schwarz-weiß, das passt zum Bild des Mannes, das die Staatsanwaltschaft zeichnet: ein Krankenpfleger, der seine Frau zu zahlreichen Arztbesuchen begleitete, während sich ihr Gesundheitszustand fortwährend verschlechterte. Ein Krankenpfleger, der sich 25 Gramm Thallium-acetat an die Adresse seines Arbeitgebers schicken ließ, um mit dem hochgiftigen Stoff, seit Jahrzehnten selbst als Rattengift nicht mehr zugelassen, mehrere Morde zu begehen. Als mehrere Fotografen ihre Kameras auf ihn richten, unternimmt er keinen Versuch, sein Gesicht zu verdecken. Fast schon kühn blickt er in die Linsen und durch den Saal.

Kein Small Talk: Als der Angeklagte in den Saal geführt wurde, blieben seine Verteidiger ungewöhnlich distanziert im Hintergrund.

Der Angeklagte schweigt

Ob die Vorwürfe stimmen, wird im Laufe eines langen Prozesses zu klären sein. Nach jetzigem Planungsstand sind 22 Verhandlungstage angesetzt. Der Angeklagte schweigt. Weder zu den Tatvorwürfen noch zu seiner Lebensgeschichte machte er Angaben. Was die Ermittlungsbehörden rekonstruiert haben, trug der Staatsanwalt in seiner Anklage vor. Demnach verabreichte der damals 39-Jährige im April 2020 unbemerkt seiner ahnungslosen Ehefrau einen Teil des Thalliums, das daraufhin die verheerende Wirkung im Körper der Frau begann. Nach anfänglichen Magen-Darm-Beschwerden folgten Beschwerden weiterer Organe, Haarausfall, eine neurologische Autoimmunerkrankung und Lähmungen. Nach zahlreichen vergeblichen Behandlungsversuchen verstarb die Frau am 29. Mai 2020 in der Düsseldorfer Uniklinik, gerade einmal 35 Jahre alt.

Schüler und Kollegen der jungen Toten trauern

Sie hinterließ nicht nur ihre Eltern, die im Verfahren Nebenkläger sind, sondern auch eine Lücke an der Schule, in der sie unterrichtete. Davon zeugen Einträge in einem Onlineportal für Traueranzeigen. „Für die Schüler war es schlimm“, erzählt ein Kollege und Freund der Verstorbenen, der als Zuschauer zum Prozessauftakt erschienen ist. Dass ihre Lehrerin nicht, wie anfangs vermutet, auf natürliche Weise einer Krankheit erlegen, sondern ermordet worden sein soll, hätten auch sie erfahren und seien entsetzt. „Wenn man gemeinsam am Grab gestanden hat, und hört jetzt das …“ Ratlos blickt der Lehrer zur Anklagebank. Nicht lange, bevor der schleichende Mord seinen Verlauf genommen haben soll, habe der Angeklagte seine Frau noch auf eine Klassenfahrt begleitet: „Da war nicht zu merken, dass da irgendwas im Busch war.“ Vielmehr habe er fürsorglich gewirkt. Auch die Trauer des Ehemannes nach dem Tod seiner Frau habe glaubhaft gewirkt.

Nicht einmal Morphium half gegen die Schmerzen

Einige Monate nach ihrem Tod soll der Witwer eine neue Liebe gefunden haben. Laut Staatsanwaltschaft lernte er im September 2020 eine Frau kennen, mit der er eine Beziehung begann. Ende November des gleichen Jahres zog das Paar zusammen. Im April 2021 verstarb die Großmutter seiner neuen Freundin. Zunächst habe die alte Dame über Unwohlsein und Halsschmerzen geklagt, dann Schmerzen in den Beinen und am ganzen Körper bekommen, „so stark, dass die Geschädigte vor Schmerzen schreien musste“, selbst Morphium habe keine Linderung gebracht, beschreibt der Staatsanwalt. Mit seiner Anklage geht er davon aus, dass auch dieser Tod kein natürlicher war, sondern grausam vom Angeklagten durch Thallium herbeigeführt wurde: „Aus der Vortat hatte er genaue Kenntnisse über den Leidensweg seines ersten Opfers.“

Baby starb kurz nach der Geburt

Einen Zusammenhang zwischen den mutmaßlichen Taten entdeckten die Ermittler jedoch erst rückblickend, als schon wieder eine Frau im Umfeld des angeklagten Krankenpflegers schwer krank wurde: jene Partnerin, mit der er seit November 2020 zusammenlebte. Ihr habe er Thallium verabreicht, nachdem sie – wie gemeinsam geplant – schwanger geworden sei, sagt die Staatsanwaltschaft. Erbrechen war Ende September 2021 eines der ersten Symptome, unter denen sie litt, später folgten Artikulationsprobleme, Taubheitsgefühl im Mund, eine Lungenentzündung und Flüssigkeit in der Herzkammer. Erst im November 2021 wurde in ihrem Blut eine Vergiftung mit Schwermetall diagnostiziert. Nach dieser Erkenntnis erhielt sich ein Gegenmittel. Langsam, im Laufe vieler Monate und während eines Reha-Aufenthaltes, verbesserte sich ihr Zustand wieder. Sie überlebte, zahlte jedoch einen hohen Preis: Das Kind, das sie Monate nach der Vergiftung lebend zur Welt brachte, verstarb kurz nach der Geburt. Ein gerichtsmedizinisches Gutachten zur Frage, ob die Vergiftung der Mutter Ursache für den Tod des Babys war, steht noch aus.

Auch die Eltern dieser Frau sind Nebenkläger im Verfahren. Ernst und gefasst saßen sie, wie auch das andere Elternpaar, dem Angeklagten während der Verlesung der Anklage schräg gegenüber. Nur gelegentlich erlaubten sich die Frauen einen langen Blick auf jenen Mann, der die Zuneigung und das Vertrauen ihrer Töchter gewann, es dann aber so kaltblütig ausgenutzt haben soll.

Der Bonner Strafverteidiger Mutlu Günal (links) und der Kölner Strafverteidiger Martin Bücher haben vor dem Landgericht die Vertretung eines Krankenpflegers übernommen, dem die Staatsanwaltschaft zwei Giftmorde vorwirft.
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