Dezember 4, 2021

„Es sind doch trotz allem noch Menschen“

Warum eine junge Frau sich ehrenamtlich für Menschen in Haft engagiert

Marie Meirich (30), ausgebildete Erzieherin und Studentin der Sozialen Arbeit, engagiert sich ehrenamtlich für Inhaftierte: Sie möchte Jail Mail neu aufbauen, eine Plattform, die Brieffreundschaften zwischen ihnen und Menschen in Freiheit vermittelt. Im Interview erzählt sie, wie es dazu kam und was sie motiviert.

Marie, worum geht es bei Jail Mail?

Wir möchten bundesweit Brieffreundschaften zwischen Menschen in der Justivollzugsanstalt (JVA) und Personen „von draußen“ fördern, indem wir den Kontakt herstellen und unterstützen. Ich halte das für wichtig, denn viele Inhaftierte verlieren bei Haftantritt den Kontakt zu ihrer Familie und ihren Freunden. Briefkontakte sind oft ihre einzige Möglichkeit des Kontakts zu Menschen außerhalb des Gefängnisses. Damit kommt jedem Brief eine unermessliche Bedeutung zu.

Wie bist Du auf die Idee gekommen, Dich damit zu beschäftigen?

Das geschah völlig unverhofft. Durch Zufall habe ich in einer Reportage gesehen, wie eine der Protagonistinnen an ihren Verlobten schrieb, der in Haft saß. Da hat etwas in meinem Hirn geleuchtet, und ich dachte: Von so einer Seite habe ich doch mal gehört! Ich habe dann recherchiert, weil ich dachte: Das ist eine gute Sache, ich könnte auch jemandem schreiben, der im Gefängnis sitzt.

Du hast also einen Brieffreund gesucht. Bist Du fündig geworden?

Ich habe zwei Möglichkeiten gefunden: die amerikanische Seite writeaprisoner.com und das Schwarze Kreuz. Beim Schwarzen Kreuz muss man erst einmal eine Fortbildung machen, das finde ich nicht wirklich niederschwellig. Außerdem hat diese Organisation einen christlichen Fokus, das war nicht das, was ich gesucht habe. Über writeaprisoner.com habe ich Kontakt zu einem Häftling in Idaho bekommen. Aber es hat mich nicht losgelassen, dass es hier in Deutschland keine richtige Alternative gibt. Die Seite jail-mail, die es früher einmal gab, war nicht mehr aktiv. Ich habe mich gefragt: Was ist dann jetzt mit den Häftlingen? Sie sitzen ja weiterhin da – aber es gibt jetzt nichts mehr für sie.

Was hast Du unternommen, um die Seite neu aufzubauen?

Erst einmal habe ich Info-Mails an 179 Justizvollzugsanstalten geschickt. Das war super frustrierend, weil gar keine Resonanz kam! Dann bin ich mit Gefängnisseelsorgern in Kontakt getreten. Das war kompliziert, weil ich dafür viel recherchieren musste, aber da scheint immerhin etwas angekommen zu sein. Von ihnen habe ich teilweise Rückmeldungen bekommen. Mein nächster Schritt wird sein, soziale Dienste anzuschreiben. Einige Inserate von Häftlingen, die gerne mit jemandem schreiben würden, haben mich schon erreicht. Von vier weiteren wurde mir angekündigt, dass sie unterwegs sind. Parallel dazu mache ich Werbung über Instagram, ein bisschen auch über Facebook und suche Leute, die mit jemandem im Gefängnis schreiben möchten.

Wie werden die Briefkontakte funktionieren? Erhalten die Häftlinge die Adressen ihrer Brieffreunde und -freudinnen?

Das bleibt jedem selbst überlassen. Man kann die ganze Zeit anonym bleiben und die Post über ein Postfach laufen lassen, das ich eingerichtet habe. Der erste Brief läuft in jedem Fall über das Postfach. Von den Häftlingen ist auch nicht der ganze Name bekannt. So gibt es Anonymität auf beiden Seiten, das finde ich nur fair. Später kann man entscheiden, ob man seine eigene Adresse nutzt. Natürlich muss man sich damit auseinandersetzen, ob man das möchte oder es für bedenklich hält. Ich habe mich letztlich entschieden, meine Adresse nicht geheim zu halten. Nicht jeder Häftling ist ein gefährlicher Psychopath.

Hast Du selbst schon einmal eine JVA von innen gesehen?

Das habe ich tatsächlich. Ich studiere Soziale Arbeit und bin gerade in der Wohnungslosenhilfe tätig. Im Zusammenhang damit haben wir kürzlich zwei Klienten in der JVA Plötzensee besucht.

Wie hast Du diesen Aufenthalt im Gefängnis erlebt?

Es war super spannend und auch beklemmend, vor allem im geschlossenen Vollzug. Plötzensee ist schon von außen trist und hässlich. Man muss erst mal an einer Stahltür klingeln und sich, sobald jemand kommt, anmelden. Dann gibt man sein Handy ab und füllt einen Zettel aus. Die Taschen werden kontrolliert. Die nächste Tür geht immer erst auf, wenn die vorige sich geschlossen hat: Da merkt man schon, dass man sich hier nicht mehr frei bewegen kann.

Wir wurden über einen Hof geführt, in dem man dicht an dicht die kleinen, vergitterten Fenster sehen kann. Da bekommt man einen Eindruck davon, wie klein die Zellen sind. Zum Teil hängt Wäsche vor den Fenstern, und das Licht ist sehr grell. Ein Typ schrie „Hallo!“ Der Vollzugsbeamte beachtete ihn nicht einmal. Ich habe deswegen meinem Impuls, auch „Hallo“ zu rufen, nicht nachgegeben, sondern bin weitergegangen. Das war ein merkwürdiger Moment.

Dann wurden wir in ein Besuchszimmer geführt, wo wir allein mit dem Klienten sprechen konnten, während ein Notknopf sehr präsent auf dem Tisch lag. Es war ein bedrückendes Gefühl, selbst wieder gehen zu können, während er zurückblieb. Vor allem, als der Klient auch noch selbst formuliert hat: „Ich will nicht mehr, ich kann nicht mehr!“ Das war schrecklich. Man sah, dass dieser Mensch nur noch irgendwie funktionierte, und man konnte nur sagen: „Dann sehen wir uns im Februar wieder.“ Im offenen Vollzug war die Stimmung dagegen ganz anders. Dort laufen die Gefangenen über den Flur, und es gibt sogar einen Automaten, wo sie sich etwas holen können.

Woher kommt Deine Motivation, Dich für Straffällige zu engagieren?

(Überlegt kurz.) Das ist für mich so offensichtlich, dass ich gar nicht weiß, wie ich darauf antworten soll! Es sind ja trotz allem noch Menschen. Es sind Leute, denen viel Scheiß passiert ist. Es bringt nichts, sie einfach nur wegzusperren, dann hat man einige Jahre später die gleiche Situation in Grün. Ich denke, wir sollten Strafe und Resozialisierung anders denken. Im Lockdown haben wir ja alle eine winzige Idee davon bekommen, wie es ist, zu Hause eingesperrt zu sein. Manche Inhaftierten sind bis zu 23 Stunden am Tag allein in ihrer Zelle, das finde ich unmenschlich. So kriegen wir sie nicht zurück in die Gesellschaft. Wir müssen uns klarmachen: Das sind Leute wie Du und ich, und wenn die entsprechenden Umstände zusammenkommen, kann jeder in ihre Situation geraten.

Du sagst, wir sollten Strafe anders denken. Wie meinst Du das genau?

Einen Masterplan dafür habe ich nicht, und natürlich passieren schon gute Dinge. Dass die Inhaftierten in der JVA arbeiten können, dass es Projekte gibt wie Theatergruppen, das ist sehr gut. Aber ich denke, es passiert noch zu wenig, um sie vorzubereiten auf die Zeit nach der Haft. Es sollte mehr geschehen, um sie zurückzuholen und zu integrieren. Mein Gefühl ist: Das kann noch nicht alles sein. Das habe ich auch gemerkt, als ich vor meinem Studium im Bereich ‚Hilfen zur Erziehung‘ tätig war: Vieles muss man eigentlich im größeren Zusammenhang sehen und ganz anders ansetzen. Was momentan passiert, ist viel zu oft nur Symptombehandlung.

Danke für das Interview, Marie!

Mehr Infos und Kontaktmöglichkeiten gibt es unter www.jail-mail.de und auf Instagram unter jailmail.info.

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