Januar 19, 2022

Geiselnahme im Discounter

Schon zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage beschäftigt ein Gewaltverbrechen in einem Supermarkt im Kölner Westen das Landgericht.

von Johanna Tüntsch

Freitagmorgen, 20. August 2021: Die Sommerferien in NRW waren gerade vorbei, der Alltag begann wieder. Doch in einem Lindenthaler Discounter ging es an diesem Tag alles andere als alltäglich zu. Wenige Minuten vor neun Uhr betrat ein Mann, heute 49 Jahre alt, die Geschäftsräume, ergriff eine Frau, die gerade eine Packung Mehl aus einem Regal nehmen wollte, hielt ihr eine Verbandsschere an den Hals und rief: „Wenn ich in drei Minuten nicht meine Tabletten bekomme, ist die Frau tot!“ In Lebensmittelmarkt löste das ein Tohuwabohu aus. Kunden und Kundinnen flüchteten, das mutmaßliche Tatopfer versuchte zu fliehen, Mitarbeiter des Ladens gaben ihr Bestes, um für die Sicherheit aller Beteiligten zu sorgen und die Lage in den Griff zu bekommen.

So geht es aus der Anklage der Staatsanwaltschaft hervor, die am Mittwoch vor der 10. Großen Strafkammer des Kölner Landgerichtes verlesen wurde. Der Angeklagte, der zur Verhandlung aus der Untersuchungshaft vorgeführt wurde, äußerte sich zunächst nicht zu den Vorwürfen, die neben einer Geiselnahme auch Sachbeschädigung und  Körperverletzung beinhalten. Als der Markt weitgehend leer war, soll der Mann einen Feuerlöscher aus dem Kassenbereich ausgelöst und damit Waren im Wert von rund 123.000 Euro ruiniert haben. Außerdem habe er mit einem Einkaufswagen einen Teil der Kühlschränke demoliert. Der Schaden an den Geschäftsräumen sei noch nicht beziffert gewesen, als die Anklage verfasst wurde, so die Staatsanwältin.

Mitarbeiter versuchte zu deeskalieren

Die Frau, die der Angeklagte als Geisel genommen haben soll, nimmt im Strafprozess ihre Rechte als Nebenklägerin wahr, kam aber trotz ihrer Ladung nicht zur Zeugenaussage. Da auch ihre Rechtsanwältin keine Angaben über den Verbleib ihrer Mandantin machen konnte, soll geprüft werden, ob sie zu einem späteren Verhandlungstermin eventuell vorgeführt wird. Ob es zur Tat eine Vorgeschichte gibt und die beiden sich kannten, ist offen. „Im Nachhinein habe ich gedacht: Vielleicht kannten sie sich ja“, äußerte einer der Mitarbeiter des Discounters im Zeugenstand. Während der mutmaßlichen Tat soll der Angeklagte gerufen haben, dass zuvor die Frau ihn bedroht habe. Auf Überwachungsvideos, die während der mutmaßlichen Tat aufgezeichnet wurden, ist zu sehen, wie ein Mann mit einer Frau durch Gänge läuft und dabei den Arm eng um ihren Hals gelegt hat, wie sie sich von ihm losreißt, er sie noch einmal von hinten schubst und dann mit theatralisch geöffneten Armen auf die Knie fällt, während die Frau auf der Suche nach einem Ausweg durch den Laden hastet.

Ein Angestellter des Marktes hatte gleich zu Beginn des Überfalls das Gespräch mit dem Angeklagten gesucht, während seine Kollegen die Kundinnen und Kunden aus dem Verkaufsraum evakuierten. „Ich habe versucht, ihn zu beruhigen und gefragt, was er wollte“, so der 29-Jährige. Der Mann habe ihm dann den Namen des von ihm geforderten Medikamentes aufgeschrieben und gesagt, dass er an Bluthochdruck leide. Der Zeuge habe sich dann erboten, in der benachbarten Apotheke das Medikament zu holen, wenn dafür der Eindringling zusage, dass der Frau, die nach wie vor in seiner Gewalt war, nichts passieren würde. Bewusst habe er sich entschieden, gar nicht erst zu versuchen, den Angreifer zu überwältigen: „Ich kenne ihn ja nicht und wusste nicht, wozu er in der Lage wäre. Ich habe gedacht, das Risiko, die Dame zu gefährden, könnte zu hoch sein, wenn wir Gewalt gegen den Mann anwenden“, so der 29-Jährige.

„Ich sehe das als Prüfung“

Nachdem man sich so geeinigt hatte, schilderte der Einzelhandelskaufmann seine Geschichte in der Apotheke, wo die diensthabende Mitarbeiterin ihm zunächst nicht glaubte. Innerhalb von Minuten seien dann aber schon Polizisten aufgetaucht, die einer der Marktmitarbeiter alarmiert hatte. So gelang es, die Situation aufzulösen. Das mutmaßliche Opfer der Geiselnahme soll an einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden. Die Kaufleute haben die Erfahrung unterschiedlich gut verarbeitet. „Ich bin jetzt vorsichtiger“, sagte einer von ihnen. Ein anderer gab an, durch den Schrecken etwas gelernt zu haben: „Jeder Mensch hat Etappen im Leben. Ich sehe das als Prüfung. In dieser Situation habe ich gemerkt, was für ein Mensch ich bin.“ Böse sei er dem Angeklagten nicht.

Das Verfahren wird fortgesetzt.

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