Juni 22, 2022

Hilfloser Kampf gegen Pädophilie

Wie vielschichtig die Problematik von Missbrauch und Pädophilie ist, zeigte ein Prozess vor dem Kölner Amtsgericht. Angeklagt war ein 31-Jähriger, auf dessen Handy die Polizei zwei Bilder und vier Videos gefunden wurden, die Jungen in Missbrauchssituationen zeigen. Der Mann hat sich damit, wie er auch zugab, des Besitzes von Kinderpornographie schuldig gemacht: ein Verbrechen, für das eine Mindeststrafe von ein bis fünf Jahren gesetzlich vorgesehen ist.

Der Fall zeigt, wie hilflos Justiz, Strafverfolgung, aber auch die Täter selbst sind, wenn eine krankhafte Pädophilie vorliegt. Schon in einem früheren Prozess hatte ein Gutachter die Neigung des Angeklagten zu Jungen im früh- und vorpubertären Alter als sexuelle Störung eingeordnet und festgehalten: Therapeutisch sei diese nicht zu behandeln, man könne nur Strategien entwickeln, um mit ihr umzugehen. Dem Verteidiger zufolge fehlen jedoch genau dafür die Möglichkeiten, wenn pädophile Männer erst einmal zu Tätern wurden und inhaftiert sind: „In der Haft muss eine Täuschung gelebt werden“, beschrieb der Anwalt. Häftlinge, die wegen Sexualstraftaten einsitzen, würden aus Sicherheitsgründen oft vorgeben, andere Verbrechen auf dem Gewissen zu haben – erst recht, wenn es um Taten zu Lasten von Kindern ging. Die Gefängnisleitungen würden dieses Konstrukt unterstützen, um Auseinandersetzungen zwischen den Inhaftierten zu vermeiden. So sei es auch bei seinem Mandanten gewesen: „Die Haftaufhalte waren nicht sonderlich produktiv. Er konnte dort nicht an seinem Problem arbeiten und mit niemandem darüber kommunizieren.“

Als Jugendlicher schon auffällig

Mehr als sieben Jahre hat der 31-Jährige bereits hinter Gittern verbracht, weil er mehrfach wegen Kindesmissbrauch verurteilt wurde. Über soziale Netze soll er mit seinen Opfern in Kontakt getreten sein und ihnen als Gegenleistung für sexuelle Kontakte PC-Spiele angeboten haben. Als er das erste Mal mit dem Gesetz in Konflikt kam, war er fast selbst noch ein Kind: „Er ist seit seinem 15. Lebensjahr wegen seiner sexuellen Neigung strafrechtlich in Erscheinung getreten“, so der Verteidiger. Bei seiner letzten Haftentlassung wurde der Angeklagte als besonders rückfallgefährdet eingestuft und bekam verschiedene Auflagen: darunter Gespräche mit einem Bewährungshelfer und der Polizei, außerdem das Verbot, sich Schwimmbädern oder Spielplätzen zu nähern und die Vorgabe, keinerlei unbegleiteten Kontakt mit Kindern zu haben. Außerdem sollte er mindestens zweimal im Monat Therapiegespräche führen – habe dafür aber keine Platz gefunden, so der Anwalt.

„Ich werde von Rückfallgedanken geplagt“, habe sein völlig unbehandelter Mandant selbst gegenüber einer Polizeibeamten geäußert. Diese habe das zum Anlass einer genaueren Prüfung genommen, wodurch letztlich die kinderpornographischen Dateien sichergestellt wurden. Einige Zeit später habe der 31-Jährige mit ProFamilia Kontakt aufgenommen. In dieser Beratungsorganisation nehme er jetzt an wöchentlichen Gruppengesprächen teil und habe einmal im Monat eine therapeutische Einzelberatung, so der Anwalt.

„Ich kämpfe wie wild dagegen an.“

Angeklagter

Der Angeklagte, ein schmalschultriger, kleiner Mann mit gepflegtem Äußeren, zeigte sich wegen seiner jüngsten Taten einsichtig: „Ich bin wütend auf mich selbst. Es ist ja logisch, dass die Produktion solcher Videos gefördert wird, wenn man sie sich ansieht. Ich will definitiv kein Hands-On-Delikt mehr begehen, ich kämpfe wie wild dagegen an. Jede kleinste Gefahr wird sofort thematisiert.“ Mit Gesprächen, in denen er solche Gefahren thematisieren kann, dürfte jedoch bald wieder Schluss sein: Das Schöffengericht verurteilte den Mann zu einer Haftstrafe von einem Jahr und acht Monaten, die nicht zur Bewährung ausgesetzt werden soll.

Staatsanwalt geht von künftigen Taten aus

Der Staatsanwalt hatte eine Verurteilung zu zwei Jahren und drei Monaten gefordert. „Die Führungsaufsicht ist richtig und wichtig, aber ein stumpfes Schwert. Wenn ich höre, dass Sie gerne an der Konsole spielen, da wird mir Angst und Bange. Der Besitz von Kinderpornographie ist die Vorstufe zu dem, was als nächste Eskalation folgen wird. Ich bin mir sicher, dass es wieder zu Missbrauch kommen wird“, sagte er dem Angeklagten auf den Kopf zu.“

„Wegsperren hilft zeitlich, aber nicht perspektivisch“, hatte der Verteidiger gemahnt und sich für eine Bewährungsstrafe ausgesprochen. Angesichts der massiven einschlägigen Vorstrafen und der Rückfallgeschwindigkeit sahen die Richter dafür jedoch eine Basis. „Haft hilft offenbar nicht“, bestätigte die Richterin zwar, befand aber: „Mit der Freiheit können Sie auch nicht umgehen. Gut und schön, dass das Ihre Neigung ist, aber gesellschaftlich und rechtlich ist das nicht akzeptiert.“ Sie warnte den Angeklagten, dass ihm eine Sicherungsverwahrung drohen könne, wenn er erneut mit ähnlichen Taten auffalle: „Derzeit gehört Kinderpornographie noch nicht zu dem Straftaten, die dazu führen, aber ich würde keine Wetten darauf abschließen, dass das in der jüngeren Rechtsprechung so bleibt.“

Dieser Artikel erschien in einer ähnlichen Version auch auf t-online.

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