Januar 19, 2022

Merkwürdige Aktennotiz

„Ich habe keinen Reim darauf“, sagte der Hamburger Erzbischof zu einem Vermerk, der Thema in einem Missbrauchsprozess vor dem Kölner Landgericht war.

von Johanna Tüntsch

Ein Erzbischof der katholischen Kirche als Zeuge in einem Strafverfahren: Das ist eine Seltenheit. Dementsprechend voll war es, als am Dienstag im Kölner Landgericht der Hamburger Erzischof Stefan Heße aussagte. Um dem Medienandrang gerecht zu werden, waren zusätzliche Presseplätze in einem zweiten Sitzungssaal eingerichtet worden. Hier verfolgten die anwesenden Reporter die Vernehmung per Audioübertragung.

Heße leitete 2010 die Personalabteilung des Generalvikariats. Zu diesem Zeitpunkt wurden die Vorwürfe laut, dass ein Pfarrer aus dem Bergischen seine drei Nichten sexuell missbraucht habe. Wie der Vorsitzende Richter Christoph Kaufmann aus den Akten verlas, erhielt das Generalvikariat im Oktober 2010 in einem Schreiben den anonymen Hinweis, dass die Staatsanwaltschaft gegen den Pfarrer strafrechtliche Ermittlungen aufgenommen habe – verbunden mit der Empfehlung, ihm keinen Zugang zu Kindern mehr zu ermöglichen, da er „offensichtlich nicht nur um das Seelenheil der ihm anvertrauten Menschen bemüht“ sei.

Beschuldigter zeigte wohl keinerlei Zerknirschung

„Wir haben ihn binnen zwei Tagen einbestellt und aus dem Dienst genommen. Es war klare, dass hier gehandelt werden und stante pede die Beurlaubung stattfinden musste“, schilderte der Bischof im Zeugenstand. Über die Atmosphäre dieses Personalgespräches sagte er: „Es war eine sehr unangenehme, sehr kalte Begegnung. Von Zerknirschung habe ich nichts gespürt. Ich kann mich ganz genau daran erinnern, dass er diese ganzen Vorwürfe für Quatsch hielt. Für mich war aber klar, wenn eine Staatsanwaltschaft ermittelt, muss das ein bisschen mehr sein als Quatsch.“

Irritierend ist in diesem Zusammenhang ein Aktenvermerk, den Kaufmann vortrug. Dieser legt die Frage nahe, ob es doch ein internes Geständnis gegeben haben könnte. „Ein Protokoll wird nicht angefertigt, da es beschlagnahmefähig sein könnte“, heißt es in einer Gesprächsnotiz, und weiter: Man werde nur handschriftliche Notizen anfertigen, die gegebenenfalls vernichtet werden könnten. Unterzeichnet ist das Schreiben mit einem Kürzel von Heße, wie dieser auch bestätigte, wobei er den Inhalt relativierte: Das habe seine Sekretärin in Absprache mit der Justiziarin geschrieben, nicht er selbst. „Diese Aktennotiz ist der fraglichste Teil der ganzen Akte. Ich kann mir keinen Reim darauf machen. Ich erinnere kein Geständnis. Da gab es nichts, was man hätte vernichten können“, versicherte der Bischof im Zeugenstand.

Bischof entsetzt über Einstellung des Strafverfahrens 2010

Als Personalverantwortlicher habe er im Zusammenhang mit dem Missbrauchsskandal mit 140 Fällen zu tun gehabt habe, die mehrheitlich verjährt gewesen seien, so Heße, der betonte: „Ich war erleichtert, dass es mal einen Fall gab, der nicht verjährt war.“ Zur Frage, warum es keine kircheninternen Ermittlungen gegeben habe, sagte er zunächst, man habe das Ergebnis der staatsanwaltlichen Ermittlungen abwarten wollen. Er habe sich selbst gesagt: „Das ist so schwerwiegend, da wird es wohl zu einem Urteil kommen.“ Ein solches habe er dann als Grundlage für die Glaubenskongregation gesehen.

Es kam jedoch anders: Die mutmaßlichen Opfer kündigten an, in einem Strafprozess vom Aussageverweigerungsrecht Gebrauch zu machen, dass ihnen aufgrund der Verwandtschaft zustand. Die Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen ein. „Das war schrecklich! Ich habe die Welt nicht mehr verstanden“, beteuerte der Hamburger Erzbischof. Trotzdem habe man davon Abstand genommen, die Sache zumindest vor ein Kirchengericht zu bringen: „Es war die Entscheidung des Kardinals, keine Meldung nach Rom zu machen“, so Heße. Eine zentrale Rolle habe es dabei gespielt, dass letztlich keine Aussage von Betroffenen vorgelegen habe, die man nach Rom hätte schicken können.

Das Verfahren wird fortgesetzt.

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