November 27, 2021

Mit 19 an der Schwelle zum lebenslangen Freiheitsentzug

Vor dem Landgericht Köln wurde ein 19-Jähriger wegen versuchten Mordes verurteilt. Die Sicherungsverwahrung bleibt vorbehalten. Eine vergleichbare Entscheidung ist statistisch bislang deutschlandweit nicht erfasst.

von Johanna Tüntsch

Bekomme ich den Studienplatz, den ich mir wünsche? Finde ich eine Wohnung, die ich mir leisten kann? Übersteht die Liebe aus Schulzeiten dem Umzug in verschiedene Städte? Das sind Fragen, mit denen sich Heranwachsende, die ein Gymnasium besucht haben, normalerweise befassen. Für einen 19-Jährigen ging es um eine viel grundlegendere Weichenstellung, als vor dem Kölner Landgerichtes ein Prozess gegen ihn endete – nämlich schlichtweg um die Frage, ob er jemals wieder in Freiheit leben wird. Dafür gibt es gravierende Gründe.

Mit 36 Messerstichen war der damals 18-Jährige im April 2021 in Leverkusen auf die Mutter einer früheren Mitschülerin losgegangen. Bis heute ist die Frau von Narben gezeichnet und kann die Schulter nicht richtig bewegen. Dass sie ihren massiven Verletzungen an Hals und Oberkörper nicht erlag, sondern als Nebenklägerin am Verfahren teilnehmen konnte, war purem Glück zu verdanken, so ihr Anwalt Dr. Frank Seebode: „An dem Tag war der leitende Oberarzt der Unfallchirurgie als Notarzt im Einsatz.“ Zudem sei der Notruf sehr schnell abgesetzt worden, so Staatsanwalt Moritz Osterspey: „Das war ein Zusammenspiel vieler glücklicher Zufälle.“ Er sprach sich dafür aus, den jungen Mann wegen versuchten Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe zu verurteilen, dabei auch die besondere Schwere der Schuld festzustellen und den Vorbehalt einer Sicherungsverwahrung zu formulieren. Der Heranwachsende habe eine hohe kriminelle Energie gezeigt und aus einer Vorstellung heraus gehandelt, in der ein Menschenleben nichts wert sei. Auch auf die ausführlichen psychologischen und psychiatrischen Gutachten ging der Staatsanwalt ein: „Er hat eine Persönlichkeitsstörung mit pathogenem Ausmaß. Die Tat hat nichts mit seinem Alter zu tun, sondern mit seiner Persönlichkeit. Er ist resistent, was erzieherische Maßnahmen angeht.“ Ein Urteil nach Jugendstrafrecht komme auf keinen Fall in Betracht.

„Da ist immer das Gefühl: Irgendwann ist er wieder da. Die Sicherungsverwahrung ist erforderlich und notwendig.“

Dr. Frank Seebode, Anwalt der Nebenklage

Der Angeklagte hatte gestanden, dass er aus enttäuschter Liebe seine frühere Mitschülerin hatte entführen wollen, um entweder mit ihr auszuwandern oder ihr und sich das Leben zu nehmen. Um sie aus ihrem Elternhaus zu holen, sei er bereit gewesen, jedes etwaige Hindernis aus dem Weg zu räumen. Bewaffnet mit einem Messer und maskiert mit einer Strumpfhose, hatte er am Tatabend bei der Familie des Mädchens geklingelt. Sein Angriff auf die Mutter begann unmittelbar, nachdem diese ihm die Tür geöffnet hatte. Nebenklagevertreter Seebode argumentierte aus Sicht des Opfers und der Angehörigen: „Die gesamte Familie trägt eine unglaubliche Sorge in sich. Da ist immer das Gefühl: Irgendwann ist er wieder da. Die Sicherungsverwahrung ist erforderlich und notwendig.“

„Es hat noch nie jemand versucht, therapeutisch mit ihm zu arbeiten. Da frage ich mich schon, ob es wirklich die richtige Lösung ist, ihn einfach abzuschreiben und wegzusperren.“


Sabrina Buelli, Verteidigerin

Strafverteidigerin Sabrina Buelli appellierte an die Richter: Man möge dem noch sehr jungen Angeklagten eine Chance zu lassen, wieder auf die Füße zu kommen und ins Leben zurückzufinden. Im Verfahren sei nicht nur dessen komplexe Persönlichkeitsstörung offenkundig geworden, sondern auch ein anderer Aspekt: „Er war letzten Endes sein Leben lang auf sich allein gestellt. Es hat noch nie jemand versucht, therapeutisch mit ihm zu arbeiten. Er ist ein 19-Jähriger, der für seine Situation nicht allein verantwortlich ist. Da frage ich mich schon, ob es wirklich die richtige Lösung ist, ihn einfach abzuschreiben und wegzusperren.“

Kindheit ohne Halt und Orientierung

Die Kindheit des jungen Mannes, dem der psychologische Gutachter eine außergewöhnliche Hochbegabung bescheinigte, war geprägt von Konflikten. Schon im Grundschulalter soll er ein Sonderling gewesen, im Gymnasium dann zeitweise regelrecht gemobbt worden sein. Auch zu Hause fand er keinen Frieden: Dafür sorgen erbitterte Trennungskriege, die die Mutter der Reihe nach mit zwei Männern führte. Mit 14 zog der Junge zum Vater um, woraufhin die Mutter, wie sie im Zeugenstand bestätigte, den Kontakt zu ihrem Sohn abbrach.

Für den Jugendlichen hätte die Umstellung nicht größer sein können: Während im Haushalt der Mutter strenge, teils gewaltsamen Strafen gegolten haben sollen, schilderte der Vater, dass er den Jungen erst einmal völlig in Ruhe ließ – in der Annahme, dass dieser erst einmal Zeit brauche. So verbrachte der Angeklagte viele Stunden täglich mit gewaltorientierten Computerspielen. „Ab 14 hat er praktisch keine Erziehung mehr genossen; und das ist ein Alter, wo es auf Erziehung ankommt“, hob Strafverteidigerin Buelli hervor: „Er war als pubertierender Teenager vier Jahre lang quasi vogelfrei. Das muss einen reifeverzögernden Einfluss auf seine Entwicklung gehabt haben.“ Sie sprach sich, wie auch die Jugendgerichtshilfe, für ein Urteil nach Jugendstrafrecht aus.

Angeklagter wünscht sich Therapie

Seine Gelegenheit zu einem letzten Wort vor der Urteilsverkündung nutzte der Angeklagte, um seinem Opfer zu sagen: „Ich bin froh, dass Sie noch leben, und ich hoffe, dass Sie nicht einfach nur leben, sondern glücklich leben können, dass die psychischen Einschränkungen sich nicht auswirken auf Ihre Lebenslust. Es ist für mich eine Selbstverständlichkeit, dass ich für die Kosten, die aus meiner Tat entstanden sind, aufkommen werde.“ Schon am Tatabend sei ihm bewusst geworden, dass so etwas nie wieder passieren dürfe: „Sobald Gewaltideen kommen, sage ich mir, dass das keine Option ist. Gedankengänge, die nicht in mein altes Bild passen, lasse ich jetzt zu.“

Eine Bitte zum Strafmaß äußerte er nicht, sondern mühte sich stattdessen, das Bild zu korrigieren, dass während der zahlreichen Verhandlungstage von ihm gezeichnet worden war: „Es wurde hier oft gesagt, ich hätte keine Reue und kein Mitgefühl. Aber das stimmt nicht. Ich habe Schwierigkeiten damit, Emotionen zu zeigen. Das sagt aber nichts darüber, was in meinem Inneren ist.“ In der Untersuchungshaft habe er sehr viel nachgedacht. „Sobald Gewaltideen kommen, sage ich mir, dass das keine Option ist. Gedankengänge, die nicht in mein altes Bild passen, lasse ich jetzt zu. Ich habe gemerkt, dass ich mich sehr wohl ändern kann, auch aus eigenem Antrieb. Natürlich begrüße ich therapeutische Unterstützung.“

Ausnahmeentscheidung: Sicherungsverwahrung bleibt vorbehalten

Die soll er nun bekommen, wenn es nach der 4. Große Strafkammer geht: Die Richter verurteilten ihn wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung zu sieben Jahren und sechs Monaten Haft, die er in einer sozialtherapeutischen Einrichtung verbringen soll. Außerdem bleibt die Sicherungsverwahrung vorbehalten, ist also zur Bewährung ausgesetzt. Jugendstrafrecht kam nach Ansicht der Richter nicht in Betracht: Die bereits manifestierte Persönlichkeitsstörung lasse nicht mehr den Raum für die Nachreifung des Heranwachsenden. „Sie müssen versuchen, sich nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit dem Herzen dafür zu öffnen, dass Sie Korrekturbedarf haben“, legte die Vorsitzende Richterin Ulrike Grave-Herkenrath dem jungen Mann nahe: „Sonst gibt es in sieben Jahren und sechs Monaten eine erneute Verhandlung. Wenn die Gutachter dann zu dem gleichen Ergebnis kommen wie jetzt, verschwinden Sie in der Sicherungsverwahrung.“ Rechtskräftig ist das Urteil bislang nicht.

Sicherungsverwahrung kann für Heranwachsende grundsätzlich nur unter Vorbehalt angeordnet werden. Auch dies ist aber eine absolute Ausnahme im Justizalltag. „In der Strafverfolgungsstatistik werden die Verurteilungen mit einem solchen Vorbehalt seit 2019 erfasst. Aktuell liegen leider auch erst die Daten für das Jahr 2019 vor. Für 2019 weist die vom Statistischen Bundesamt herausgegebene Statistik der Strafverfolgung keine Verurteilung aus, mit der gleichzeitig ein Vorbehalt der Anordnung einer Sicherungsverwahrung gegen Heranwachsende verhängt wurde“, teilte eine Sprecherin des Bundesjustizministeriums auf Nachfrage mit.

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