Juni 28, 2022

Paketbote gab Lieferung nicht heraus

Keine Frage: Die Vorweihnachtszeit ist nervig für Paketzusteller. Wohin das führen kann, zeigte jetzt ein Prozess in Köln.

Waren nach Hause bestellen – das klingt praktisch, endet aber mitunter abenteuerlich. Immer wieder müssen Kunden sich auf die Suche nach Paketen machen, die nicht am Ziel angelangt sind. Im Jahr 2021 vermeldete die Bundesnetzagentur bis zum 15. Dezember schon 14.370 Beschwerden zu Postdienstleistungen. Für einen 26-jährigen Kölner eskalierte der Ärger einen Tag vor Heiligabend. Nun war der Mann vor dem Amtsgericht wegen Körperverletzung angeklagt: Laut Anklage sollte er den Boten so geschlagen haben, dass dieser einen Knochenbruch an der Hand erlitt.

„Ich hatte viele Probleme mit diesen Zustelldienst. Von sieben Paketen sind nur zwei oder drei angekommen“, berichtete der junge Mann. Wenn er bei der Arbeit gewesen sei, habe seine Partnerin wegen der Betreuung der Kinder, die erst ein und drei Jahre alt sind, oft nicht nach unten gehen und ein Paket in die Wohnung holen können. Deswegen habe er den Boten gebeten, die Pakete nach oben zu bringen.

Chef sagt Nein, wegen Corona“

Am 23. Dezember 2021 sei er zwar selbst zu Hause, aber gerade im Bad gewesen, als der Bote klingelte. So konnte er wieder einmal nicht die Lieferung an der Haustür sofort in Empfang nehmen. Die junge Mutter war beschäftigt, daher habe man den Boten gebeten, die Pakete nach oben zu bringen. „Chef sagt Nein, wegen Corona“, habe die Antwort geheißen. Während seine Partnerin noch mit dem Boten sprach, sei er schon im Eiltempo und ohne Schuhe die Treppe hinabgelaufen, um seine Bestellung zu holen, skizzierte der Angeklagte – doch zu spät: „Vor der Tür dachte ich: Wo ist mein Paket? Wo ist der Bote?“

Paketkunde bettelte um seine Lieferung

Nachdem seine Partnerin ihm Schuhe aus dem Fenster geworfen habe, sei er dem Paketwagen nachgelaufen und habe den Boten bei nächster Gelegenheit zur Rede gestellt: „Wo ist mein Paket?“ Der habe sich herausgeredet: „Vielleicht bringt ein Kollege es später.“ Der Angeklagte gab an, dass er nicht lockergelassen habe: „Aber du hattest es doch schon vor die Haustür gelegt!“ Erst nach beharrlichem Nachfragen habe der Bote es aus dem Wagen geholt, es dann aber gleich wieder zurückgefordert mit dem Hinweis, er müsse es noch scannen. „Auf einmal wollte er mich aufhalten und ging in Kampfposition. Ich hatte keine Lust auf so etwas, am nächsten Tag war Weihnachten und ich hatte noch mit Geschenken zu tun“, so der 26-Jährige. Mit einem Schubser habe er sich den Boten vom Hals gehalten und sei mit dem Paket nach Hause gegangen.

Zeuge beschreibt Faustschlag aus Notwehr

Der Brief eines Rechtsanwaltes, der für den Paketboten ein Schmerzensgeld von 3.000 Euro forderte, habe ihn daher sehr erstaunt. In dem Brief, der vor Gericht verlesen wurde, ist von einer massiven körperlichen Auseinandersetzung die Rede und davon, dass der Angeklagte im Auto, zusammen mit anderen Personen, den Boten verfolgt habe. Das berichteten jedoch Eheleute, die zufällig Zeugen der Situation wurden, ganz anders. „Ich schätze, der Angeklagte sagte 15-mal: ‚Ich will nur das Paket, dann bin ich auch wieder weg.‘ Der Fahrer war aber aggressiv“, so ein 42-jähriger Sicherheitsmitarbeiter. Zwar habe der Angeklagte den anderen mit der Faust geschlagen, „aber das war eher, um den Fahrer abzuwehren.“ Der sei nämlich in den 26-Jährigen „hineingerannt“, um das Paket wieder an sich zu bringen.

Die Frau des Zeugen berichtete noch etwas anderes, das kein gutes Licht auf das angebliche Tatopfer wirft: „Der Bote sagte, er würde die Polizei rufen. Der Paketkunde meinte: ‚Mach doch, dann wird sich zeigen, dass hier was nicht richtig läuft.‘ Da gab ihm der Bote dann das Paket.“ Nach einer Rangelei um das Paket sei der Bote zu Boden gegangen, aber die Verletzung habe nicht authentisch gewirkt: „Er ließ sich von uns nicht ansprechen, also haben wir unsere Pflicht getan und einen Rettungswagen gerufen. Aber es kam mir ehrlich gesagt nicht so vor, als sei er wirklich bewusstlos“, schilderte die 49-Jährige.

„Wir waren der Meinung: Der Kunde hat vom Paketboten was angehängt bekommen, weil der wütend war.“

Zeugin

„Ich habe Zweifel, wer hier in Notwehr gehandelt hat und wer nicht“, ließ die Richterin durchblicken. Wochenlang habe sie versucht, das mutmaßliche Opfer zu erreichen – ohne Erfolg. „Ich glaube nicht, dass von einer weiteren Zeugenvernehmung viel zu erwarten ist“, räumte auch der Vertreter der Staatsanwaltschaft ein. Das Verfahren gegen den Angeklagten wurde daher ohne weitere Auflagen eingestellt. Ein Satz der unbeteiligten Zeugin trifft wohl den generellen Eindruck: „Wir waren beide der Meinung, der Kunde hat vom Paketboten was angehängt bekommen, weil der wütend war.“ Immerhin sei, merkte die Richterin an, in den Tagen vor Weihnachten Hochsaison für die Zusteller.

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