Mai 12, 2022

„Rosinenpicken geht nicht“

Das Gericht brauche manchmal Monate, um einem Verteidiger Akteneinsicht zu gewähren, kritisiert Marius Meurer. Der 49-Jährige ist selbständiger Strafverteidiger in Köln. Im Interview erzählt er von seiner Arbeit.

Fangen wir mit den Kuriositäten an: Welche skurrilen Fälle sind Dir besonders in Erinnerung?

Ich hatte schon viele abstruse Fälle und merkwürdige Situationen, etwa diese: In einem kleinen Amtsgericht im Kölner Umland habe ich einen polnischen Mandanten vertreten. Den interessierte die Verhandlung überhaupt nicht, stattdessen hat er die ganze Zeit die Richterin angebaggert und sie während des Prozesses gefragt, ob sie mit ihm etwas essen oder trinken gehen würde! Sie hat gelacht und dankend abgelehnt, worauf er meinte: „Wenn Sie es sich anders überlegen – Sie haben ja meine Daten.“

Welche Rolle spielte Idealismus bei Deiner Berufswahl?

Ich bin Rechtsanwalt geworden, weil ich den Job facettenreich und interessant finde, aber tatsächlich auch, weil ich ein echtes Gerechtigkeitsgefühl habe. Über Ungerechtigkeit konnte ich mich immer schon gut aufregen.

Wann empfindest Du ein Urteil als ungerecht?

Wenn wichtige Aspekte außer Acht gelassen wurden! Es ist eine der entscheidenden Aufgaben im Strafrecht, die Schicksale herauszuarbeiten, die hinter bestimmten Verhaltensweisen stehen. Das kommt bei manchen Richtern zu kurz. Ein Klassiker, um das zu verdeutlichen, ist die inzwischen schon länger anerkannte Spielsucht. Lange wurde die Frage diskutiert, ob das eine anerkannte Sucht ist. Inzwischen sagt man: Ja, und sie ist häufiger als man denkt. Wenn Menschen ihre Spielsucht finanzieren wollen, können daraus Verbrechen resultieren. Hierin liegt, neben der Wahrung der prozessualen Rechte des Mandanten, inhaltliche eine der Kernaufgaben im Bereich der Strafverteidigung: Welche Strafzumessungsgesichtspunkte gehören einfach bei der Urteilsfindung berücksichtigt und werden als solche dann auch durch die instanzielle und irgendwann höchstrichterliche Rechtsprechung bestätigt?

Wie bereitest Du Dich auf den Verlauf einer Verhandlung vor?

Am einfachsten wäre es, vorher immer die ganze Wahrheit zu hören! Das ist aber leider nicht immer der Fall. Daher muss man vorab in verschiedene mögliche Richtungen denken. So kann mit der vom Mandanten gezeigten Mitarbeit das beste Ergebnis herausholen.

Wie ist die Beziehung zwischen Rechtsanwalt und Mandant?

Sehr unterschiedlich! Es gibt Mandanten, die schwer zu erreichen sind, andere rufen täglich an. Für viele fungiert man als Prellbock. Wenn etwas nicht läuft, ist für sie immer der Anwalt schuld. Man sagt unter Anwälten: „Der Mandant von heute ist der Feind von morgen.“ Mit den meisten Mandanten kommt man aber gut zurecht. Meine Erfahrung ist übrigens: Je krimineller die Menschen sind, desto umgänglicher sind sie.

Welches Verhältnis ist schwieriger: das zum Gericht oder das zum Mandanten?

Das kommt darauf an, mit wem man es bei Gericht zu tun hat. Ich würde tendenziell sagen: Das Verhältnis zum Mandanten ist eher schwierig, denn es ist oft nicht einfach, Nicht-Juristen die relevanten Zusammenhänge klarzumachen. Bei Gericht weiß dagegen jeder, wovon man spricht, wenn es zum Beispiel um Probleme mit der Akteneinsicht geht.

Was würdest Du am Rechtssystem gerne ändern?

Wirklich wünschenswert wären einfachere, schnellere Abläufe. Aus den unterschiedlichsten Gründen hat man schon oft das Problem, wochenlang auf einfachste Dinge wie Akteneinsicht warten zu müssen. Mal liegt sie bei der Polizei, mal ist sie im Gericht unterwegs. Es gab schon den Fall, dass ich im Januar Akteneinsicht beantragt und sie im September erst bekommen habe! Da fragt man sich: Wieso braucht die Akte innerhalb des Hauses neun Monate für die 50 Meter bis ins Anwaltspostfach? Zusätzlich muss man in der Kanzlei die Abläufe so organisieren, dass man schnell reagieren kann, wenn insbesondere eine umfangreiche Akte eintrifft. Das kann anstrengend sein, wenn es heißt: „Das Gericht gewährt Akteneinsicht für zwei Tage.“ Ein zusätzliches Problem tritt auf, wenn es mehrere Beschuldigte, aber keine Zweitakten gibt. Das spart zwar Kosten bei der Erstellung der Akten, verzögert aber unter Umständen auch die Untersuchungshaft, wofür ja viel mehr Kosten anfallen.

Wann bist Du mit Deiner Arbeit zufrieden, welche Aspekte sind weniger schön?

Ich freue mich, wenn ich ein spannendes, interessantes Mandat habe, das zur Zufriedenheit des Mandanten ausgeht. Was mich nervt: Oft muss ich dem Geld hinterherlaufen. Das betrifft sowohl säumige Mandanten als auch die Staatskasse.

Wie entscheidest Du, ob vor Gericht Du sprichst oder Dein Mandant?

Manche befrage ich vor der Verhandlung, wie ein Richter es tun würde, um zu sehen: Können sie sich behaupten? Was sagen sie? Manchmal hat man aber auch erst in der Verhandlung Gelegenheit, sich einen persönlichen Eindruck zu machen. Dann muss man schnell entscheiden, ob man mit einer persönlichen Einlassung des Angeklagten punkten kann oder nicht. Das Gericht sieht den Beweiswert einer Verteidigererklärung geringer, weil der Anwalt sich natürlich artikulieren kann und weiß, worauf es ankommt.

Du vertrittst Menschen, denen man Straftaten anlastet – unter anderem 2021 einen jungen Mann, der zusammen mit seiner Lebensgefährtin wegen versuchten Mordes an der kleinen Tochter der Frau verurteilt wurde. Ist Dir eine Verteidigung schon mal richtig schwergefallen?

Ich bin Fachanwalt für Strafrecht, ich mache in diesem Gebiet grundsätzlich alles. Mit manchen Themen kann ich aber schwerer umgehen als mit anderen, ja. Es gibt Kollegen, die aus diesem Grund bestimmte Fälle grundsätzlich ausschließen. Ich finde aber, das geht nicht, wenn man sich für das Strafrecht entscheidet. Meine Einstellung ist: Wenn ich Verteidiger bin, dann für alles, da gibt es kein Rosinenpicken. Wenn man „Igitt“ sagt, ist man vielleicht als Strafverteidiger nicht so gut aufgehoben. In unserem Beruf muss man auch unangenehme Dinge durchziehen. Was wäre denn, wenn generell alle Strafverteidiger keine Mandanten vertreten würden, denen Missbrauch vorgeworfen wird? Dann hätten diese Menschen keinen Verteidiger, aber auch sie haben ein Recht darauf, ob einem das nun angenehm ist oder nicht. Ein Strafverteidiger ist auch dann zu gewissenhafter, bestmöglicher Arbeit verpflichtet.

Vielen Dank für das Interview!

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