Dezember 9, 2021

Schluss mit Racial Profiling!

Rassistische Beleidigungen zementieren Normen, die keine sind

ein Kommentar von Johanna Tüntsch

„Wir brauchen noch einen Täter. Mach Du das mal! Du bist schwarz, und wir wollen das hier authentisch nachstellen.“ Wenn ein Polizeibeamter das oder etwas ähnliches zu einem dunkelhäutigen Kollegen sagt, wie in Köln-Ehrenfeld auf der Wache geschehen, ist es mehr als eine unpassende Blödelei unter Kollegen. Die Problematik hängt nicht nur vom subjektiven Empfinden des so Angesprochenen ab, sondern reicht viel weiter. Wenn Polizeibeamte im Training einen Menschen mit dunkler Hautfarbe als kriminelles Gegenüber vor Augen haben, wird eine vermeintliche Norm inszeniert, die keine ist. Gerade darin besteht ja der strukturelle Rassismus: Aus einzelnen Beobachtungen wird eine nicht zutreffende Regel abgeleitet.

Sicher gibt es dunkelhäutige Straftäter. Genauso wie es osteuropäische Banden, arabische Rocker-Clans und deutsche Pädophile gibt. Daraus zu folgern, dass People of Colour besonders geeignet sind, um einen Dealer darzustellen, ist aber genauso falsch wie die Konsequenz, bei Rollenspielen stets den blonden Männern die Rolle der Kinderschänder zuzuschreiben. Hier werden Negativbilder kolportiert, und das ist mehr als eine Blödelei unter Kollegen: Es ist Racial Profiling. In der Konsequenz führt es dazu, dass Menschen mit dunkler Hautfarbe häufiger ohne Anlass ihre Ausweispapiere vorzeigen müssen als andere oder auch bei Wohnungs-, Job- und Partnersuche benachteiligt sind, weil mit ihrem Anblick Kriminalität assoziiert wird.

Die Frage, ob eine Aussage wie die oben zitierte strafbar ist, kann auch nicht davon abhängen, ob der Sprechende sie beleidigend gemeint hat oder nicht. Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. Wie viele alte weiße Männer mussten zu Recht lernen, dass es nicht okay ist, jüngere Kolleginnen als „Mädchen“ zu betiteln oder ihnen gönnerhaft den Hintern zu tätscheln? Die meisten von ihnen hätten genauso argumentiert: Das war nicht böse gemeint, eher sogar noch anerkennend.

Ein „Falsch verstanden“ schiebt dem Opfer die Schuld zu

Ein weiterer Aspekt, den Angeklagter und Verteidiger im Kölner Fall zu ihren Gunsten anführen wollten, war das Verhalten des dunkelhäutigen Polizisten. Einerseits habe er in der Situation spontan verletzt reagiert, andererseits habe er gesagt, dass er keine Strafanzeige stellen wolle. Unterschreiben, dass es keinen Strafantrag geben soll, wollte er dann aber auch wieder nicht. Aus dieser Ambivalenz abzuleiten, dass die Beleidigung für ihn in Wahrheit nicht so schlimm war, wäre zu kurz gedacht und falsch. Sie ist vielmehr typisch für Straftaten, die sich im Bekanntenkreis abspielen. Wer möchte schon einem Kollegen schaden? Oder von anderen Kollegen als derjenige verachtet werden, der einen beliebten Kollegen zu Fall gebracht hat?

Rassistische Diskriminierungen damit zu erklären, sie seien „falsch verstanden“ worden, schiebt die Verantwortung vollends auf die verkehrte Seite. Nein, der Fehler liegt nicht bei denen, die vermeintlich keinen Humor haben. Wer dieses Scheinargument anführt, um sich selbst zu entlasten, schiebt nur eine erneute Beleidigung hinterher. Die Täter-Opfer-Verdrehung ist ein Muster, das häufig auftaucht – und zwar gerade im Zusammenhang mit den Delikten, die nach einem diskriminierenden Gesellschaftsverständnis allenfalls als schlechtes Benehmen gelten.

In der Geschlechterdiskriminierung sind wir auf einem guten Weg, diese Haltung hinter uns zu lassen. Frauen, die sexistischen Übergriffen ausgesetzt sind, müssen sich nur noch selten die Frage gefallen lassen, ob vielleicht ihr Rock zu kurz oder ihr Lächeln zu einladend war. Es ist an der Zeit, diese Lehre auch auf andere Bereiche gesellschaftlicher Diskriminierung zu übertragen. Es geht nicht nur darum, dass diskriminierende Äußerungen beleidigend sind. Das Ziel muss sein, dass in einer möglichst nahen Zukunft nicht einmal mehr in den Köpfen derlei Gedanken auftauchen.

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