Dezember 15, 2021

Urteil zu Übergriff im Treppenhaus

Nur ein Gespräch gesucht? Das glaubte das Schöffengericht einem Mann nicht, der eine Frau in ihrem Wohnhaus bedrängt hatte. Sie verhängten eine Bewährungsstrafe.

von Johanna Tüntsch

Ganz plausibel war die Erklärung nicht, die ein 27-Jähriger am zweiten Tag eines Strafprozesses gegen ihn unerwartet abgab. Am 26. September 2021 war er nachts beim Verlassen eines Lindenthaler Wohnhauses von Polizeibeamten festgesetzt worden, nachdem er dort eine Frau bedrängt hatte und ihr vom Keller bis in den ersten Stock nachgestellt war. „Ich bin ihr nachgelaufen, um zu erklären, dass ich nur mit ihr reden wollte“, so die Begründung des Angeklagten. „Es ist doch völlig klar, dass die Frau da Riesenangst hatte. Warum sind Sie nicht einfach gegangen?“, wollte Karl-Heinz Seidel, der Vorsitzende des Schöffengerichtes am Amtsgericht, wissen. Der Angeklagte antwortete, er sei zu betrunken gewesen, um sich noch zu erinnern.

„Ich bin mit Stress und Angst aufgewachsen.“

Angeklagter

In einem etwas wirr formulierten Brief, den der Richter verlas, entschuldigte sich der Angeklagte für das Geschehen. „Ich bin mit Stress und Angst aufgewachsen. Es fällt mir schwer, mich zu kontrollieren, wenn ich Druck habe. Ich habe so viel Druck, seitdem ich meine Mutter verloren habe“, heißt es dort, und: „Ich bin ein Mensch wie ihr, aber ich habe keine Macht wie ihr.“ Es tue ihm leid, dass er überhaupt in das Haus gegangen sei.

Aus seiner Sicht müsse man die Vorgeschichte des Tages kennen, um sein Verhalten zu verstehen. Er trinke oft, weil er mit seinem Leben nicht zurechtkomme, berichtete der Mann, dessen Einkommen sich im Mindestlohnbereich bewegt. Von der Mutter seiner Tochter lebt er getrennt, das Kind darf er infolge von Streitigkeiten schon seit Längerem nicht sehen. An jenem Septembertag kam wohl noch ein weiterer Verlust familiärer Bindung hinzu: „Im Juni ist meine Mutter gestorben. Darüber hatte ich an dem Tag mit der Mutter meiner Tochter gesprochen. Danach war ich sehr traurig“, erzählte er. Ziemlich betrunken sei er außerdem gewesen. „Später war ich mit einem Freund im Friesenviertel in einem Club. Dort hat mich der Sicherheitsdienst rausgeworfen. Ich war sehr sauer und wollte nach Hause, zurück nach Mönchengladbach. Ich bin in die Bahn gestiegen und habe schließlich gemerkt, dass es die falsche war“, so der 27-Jährige.

Nach so viel Frust soll der Anblick der jungen Frau, die er schließlich in Angst und Schrecken versetzte, ein Lichtblick gewesen sein: „Ich fand sie attraktiv und dachte, wenn ich mit ihr rede, bekomme ich vielleicht bessere Laune.“ Sexuelle Motive will er dabei nicht gehabt, sondern nur ein Gespräch gesucht haben. Die Richter nahmen das dem Mann nicht ab: Sie verurteilten ihn wegen versuchter sexueller Nötigung und Körperverletzung zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und vier Monaten. Außerdem soll er hundert Sozialstunden ableisten. Das Urteil wurde von beiden Seiten akzeptiert und ist damit rechtskräftig.

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