Januar 17, 2022

Verzweiflungstat wegen offener Stromrechnung

Ein verständnisvolles Opfer und ein Häftling, der die Ruhe im Gefängnis lobpreist: Nach dem Raubüberfall auf einen Supermarkt gab es vor dem Kölner Landgericht eine Verhandlung mit menschlichen Überraschungen.

von Johanna Tüntsch

Es war ein Überfall, bei dem die Schwere der Tat so ganz und gar nicht zum Täterprofil passte: „Er blieb die ganze Zeit höflich, forderte mich zur Geldausgabe auf und hat dann ziemlich freundlich gesagt: Ich muss Sie jetzt leider fesseln, das gehört dazu“, erinnerte sich der 37-jähriger Leiter eines Supermarktes im Kölner Westen vor dem Landgericht. Dort hatte er eine Zeugenaussage zu machen, nachdem er am 4. Oktober 2021 Opfer eines Raubüberfalles geworden war.

Auf der Anklagebank saß ein 25-Jähriger, dem die Staatsanwaltschaft Freiheitsberaubung, Nötigung mit Waffen und versuchte Körperverletzung vorwarf. Mit weißem Hemd, Krawatte und einem jungenhaften Gesicht sah der Mann allerdings weniger wie ein Schwerverbrecher aus, sondern eher, als sei er zu einem Vorstellungsgespräch unterwegs. Genau das wäre auch eigentlich sein Ziel gewesen, bekannte er: Er habe sich wieder einen Job suchen wollen. Dass er glaubte, dafür einen Raubüberfall begehen zu müssen, stand am Ende einer Verkettung ungünstiger Umstände und unkluger Schlussfolgerungen.

„Ohne Strom kein Internet, ohne Internet keine Bewerbung“

„Meinen gelernten Beruf konnte ich nicht mehr ausüben, da ich Probleme mit den Kniescheiben habe. Ich habe mir deswegen einen Beruf im Homeoffice gesucht“, so der Einzelhandelskaufmann. Etwa zwei Jahre lang sei das gut gegangen, dann habe er eine Kündigung erhalten. Bei der Suche nach einer neuen Arbeitsstelle habe ihn die Pandemie vor Schwierigkeiten gestellt: „Da auf einmal alle im Homeoffice arbeiten wollten, war der Markt knapp geworden.“ Gleichzeitig ereilte ihn ein weiteres Problem: „Der Stromabschlag in meiner Wohnung war zu niedrig berechnet und ich musste 800 Euro für den Strom nachzahlen“, so der Angeklagte. Das Geld habe er aber nicht gehabt und fürchtete daher fatale Folgen, wenn ihm der Strom abgestellt werden: „Ohne Strom kein Internet, ohne Internet keine Bewerbung.“

Da entsann er sich der Zeiten, als er selbst im Einzelhandel tätig war. In der Supermarktkette, bei der er gelernt hatte, seien immer mal wieder unangemeldet Mitarbeiter aus der Zentrale in Märkten aufgetaucht. Kurzentschlossen bestellte er bei einem Onlinekaufhaus eine Luftdruckpistole und marschierte einen Tag später, gekleidet in ein Sakko, mit einem Rollkoffer in den Markt. Von einer Mitarbeiterin aus der Obstabteilung ließ er sich zum Filialleiter bringen, gab vor, von der Zentrale zu kommen, bedrohte den Mann, sobald er mit ihm allein war, mit der Waffe und ließ sich von ihm das Bargeld aus dem Tresor aushändigen. Anschließend fesselte und knebelte er den Mann. Mit einer Beute von etwa 13.000 Euro im Rollkoffer verließ der 25-Jährige den Markt wieder – kam jedoch nicht sehr weit. Der Marktleiter hatte sich befreien können und über Lautsprecher Mitarbeiter zu Hilfe gerufen, die den Täter nach einer kurzen Rangelei auf dem Parkplatz dingfest machen konnten.

Opfer: Medienrummel schlimmer als Tat

In Nachhinein bereue er die Durchsage, bekannte der Zeuge vor Gericht: „Das war eine Kurzschlusshandlung. Ich dachte: Wir kriegen den vielleicht! Aber heute würde ich das nicht mehr so machen. Ich habe meine Kollegen in Gefahr gebracht“, so der 37-Jährige. Den Schreck habe er weitgehend überwunden. Belastender als die Tat sei der anschließende Medienrummel gewesen.

Wie auch zwei weitere Mitarbeiter des Marktes, die als Zeugen geladen waren, nahm er die Entschuldigung des Angeklagten an: „Manchmal kommt man auf dumme Ideen. Ich habe Ihnen das schon damals nicht übelgenommen“, sagte er zu dem jungen Kaufmann, der mit einer anderen Weichenstellung eines Tages vielleicht sein Mitarbeiter hätte werden können. Stattdessen liegt die Karriere des 25-Jährigen nun erst einmal auf Eis: Das Gericht verurteilte ihn zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und vier Monaten. Damit kann sie, aufgrund der Dauer von über zwei Jahren, nicht mehr zur Bewährung ausgesetzt werden. Schon seit seiner Festnahme am Tattag sitzt der junge Mann in Untersuchungshaft – und überraschte diesbezüglich noch einmal mit einer ungewöhnlichen Stellungnahme: „Man stellt sich das Gefängnis als ein von Gewalt dominiertes Gebiet vor. Das kann ich nicht bestätigen. Ich komme erstaunlich gut zurecht. Man weiß von einigen, was sie gemacht haben, andere meidet man. Insgesamt ist es ruhig, ich komme klar. Ich wache nicht mehr damit auf, mit den Gedanken gleich bei den offenen Rechnungen zu sein.“

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