Juli 3, 2022

Wenn die Freundin ermordet wurde

Im Juli 2020 wurde in Leverkusen eine 22-Jährige Hanna mit 31 Dolchstichen ermordet. Seither ringt ihre beste Freundin um eine neue Normalität für ihr Leben.

An den Vormittag des 3. Juli 2020 kann sich Fiyameta Fasil noch genau erinnern: „Ich kam von der Arbeit, sah vor unserem Haus den Krankenwagen und die Polizei, immer mehr Polizisten. Erst bin ich gelaufen, dann wurde ich langsamer. Mein Herz fing richtig an zu zucken! Alle Nachbarn waren draußen und sahen mich schockiert an, aber keiner redete mit mir. Deswegen bin ich einfach reingegangen. Da fragte mich einer der Polizisten: ‚Wer bist du?‘ Ich sagte: ‚Ich wohne hier. Ich will wissen, was los ist.‘ Aber sie ließen mich nicht ins Haus. Ich habe einen Nachbarn gebeten: ‚Sag mir, ob es um meine Freundin geht!‘ Er hat nur genickt. Ich hatte schreckliche Angst. Ich hatte zwei Dinge im Kopf: Entweder hatte sie wieder versucht, sich das Leben zu nehmen, oder er hat versucht, sie zu ermorden.“

Von Tag zu Tag, von Monat zu Monat

„Er“, das ist ein 49-jähriger Mann aus Eritrea. Im März 2021 wurde er vor dem Kölner Landgericht wegen Mordes verurteilt. „Sie“ war eine Frau von 22 Jahren. Hanna. Krankenschwester hatte sie werden wollen. „Ich habe noch nie so ein liebes Mädchen gesehen. Ich vermisse noch immer ihr Lächeln“, hatte vor Gericht ein Zeuge gesagt, der Hanna und Fiyameta aus der Kirchengemeinde kannte. Die Gemeinde, ein tiefer christlicher Glauben, ihre gemeinsame Fluchtgeschichte – das verband die beiden jungen Frauen. Nun ist, durch ein furchtbares Gewaltverbrechen, Fiyameta allein zurückgeblieben. „Es hat meinen Glauben erschüttert. Aber mit der Zeit wird es besser“, sagt sie: „Zeit ist eine Therapie. Es geht weiter von Tag zu Tag, von Monat zu Monat.“ Nun geht schon ihr zweites Jahr ohne Hanna zu Ende.

Tote Freundin per Cargoflug nach Hause gebracht

Im ersten Jahr nach dem Tod der Freundin brauchte Fiyameta immer wieder Auszeiten. Das machte sich auch bei ihrer Arbeit bemerkbar; sie ist Sozialassistentin in einer Kita der Stadt Leverkusen. „Meine Chefin war sehr nett und hat mich sehr unterstützt“, berichtet die 23-Jährige. Großer Rückhalt kam von Freunden in Sinzig, die auch Hannas Freunde waren. Viele Monate lang nahmen sie Fiyameta bei sich auf, für die es nicht in Frage kam, in die Wohnung zurückzukehren, in der sie mit Hanna gelebt hatte. „Über diese Treppenstufen ist ihr Blut geflossen. Wie könnte ich darauf treten?“, fragte sie damals vor Gericht. Auch die Kirchengemeinde hielt zusammen und half, übernahm manche der anfallenden Kosten. Trotzdem blieben es viele Wege, die die damals erst 21-Jährige allein zu bewältigen hatte. Zum Beispiel die Reise nach Äthiopien: Dorthin, ins gemeinsame Heimatland, brachte sie die Asche ihrer Freundin. „Hanna wurde mit Cargo geschickt. Wir haben es geschafft, dass sie dort beerdigt worden ist“, erinnert sie sich. Wegen der Corona-Pandemie sei das nicht leicht gewesen: „Wir mussten erst einmal beweisen, dass sie nicht an Corona gestorben war.“

Mord aus enttäuschter Liebe

Es war nicht Corona. Hanna fand ihren Tod durch 31 Dolchstiche, die ihr ein Mann zufügte, weil sie ihn nicht heiraten wollte. Ein Mann, vor dem sie Angst hatte, weil er bereits viele Monate vorher damit angefangen hatte, ihr nachzustellen. Auch bedroht hatte er sie schon. Fiyameta zufolge hatte Hanna die Polizei um Hilfe gebeten, doch die Beamten hätten erklärt, dass sie nichts tun könnten, solange nichts passiert sei. Ein Polizeisprecher sagt: Das spätere Opfer habe sich auf einer Wache informiert. Dabei habe sie aber nichts geschildert, das einen Anfangsverdacht begründet hätte und habe auch keine Anzeige erstatten wollen. Hanna hätte versuchen können, beim Amtsgericht ein Kontaktverbot zu erwirken. Doch für den Weg einer juristischen Auseinandersetzung reichten ihre Nerven offenbar nicht mehr aus: In ihrer Verzweiflung habe die junge Frau sogar darüber nachgedacht, sich das Leben zu nehmen, berichtet Fiyameta. Sie habe die Freundin im Keller gefunden, wo sie sich hatte aufhängen wollen. Kurze Zeit später zeigte sich mit brutaler Deutlichkeit, wie berechtigt Hannas Angst gewesen war.

Er sagte: „Also, deine Freundin ist tot.“

„Für die Polizei war ich nur eine Mitbewohnerin“, berichtet Fiyameta, wenn sie an jenen Samstagvormittag zurückdenkt: „Ich sah einen Notarzt und fragte ihn: ‚Lebt sie noch?‘ Er hat genickt, und das hat mir erst einmal Hoffnung gegeben. Ein Polizist frage mich, ob jemand sie bedroht hat. Ich sage: ‚Ja, und ich kann auch zeigen, wo er wohnt.‘ Wir wollten gerade aufbrechen, da kam ein anderer Polizist.“ Sie macht nach, wie er die Daumen in die Armlöcher seiner Weste gehakt habe, als er sich vor ihr aufbaute: „Er sagte: ‚Also, deine Freundin ist tot.‘ Einfach so. Da bin ich zusammengebrochen. Ich habe geweint, und ich war auch wütend auf die Polizisten, weil sie Hanna ein paar Wochen vorher nicht helfen wollten. Ich habe geschrien: ‚Jetzt habt ihr genug Beweis!‘“ In der Erinnerung legt sie die Hand auf die Brust und beschreibt: „Es war, als läge dort ein Stein. Ich bekam kaum Luft.“

Unbedingt hätte sie die Freundin noch einmal sehen wollen und hadert noch heute damit, dass ihr das versagt worden sei – erst am Tatort, dann später beim Bestatter. Sie und Hanna seien Schwestern gewesen, sagt Fiyameta immer wieder. Eine Angehörige im gesetzlichen Sinne ist sie nicht, es war eine Schwesternschaft im Herzen. Beide waren als Jugendliche ohne Angehörige aus Äthiopien geflüchtet und lebten seit Jahren zusammen. „Wenn ich sie noch einmal gesehen hätte, könnte ich es besser ernst nehmen, dass sie wirklich tot ist. Ich hätte dann eine Verabschiedung gehabt“, erklärt sie.

Hadern mit dem Urteil

Ein weiterer Schock war für die 23-Jährige das Strafverfahren. Zwar wurde der Mann, der Hannas Tod zu verantworten hat, wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Gericht sah jedoch das Mordmerkmal der Grausamkeit nicht erfüllt und entschied daher nicht auf besondere Schwere der Schuld. Das Urteil ist inzwischen rechtskräftig. Warum es nicht grausam sei, einen Menschen so niederzumetzeln, das will Fiyameta bis heute nicht in den Kopf. Mit der Feststellung von besonderer Schwere der Schuld wäre davon auszugehen gewesen, dass der Täter wirklich lebenslang inhaftiert gewesen wäre, statt, wie üblich, nach voraussichtlich 15 Jahren entlassen zu werden.

Noch immer formuliert Fiyameta ihre Sätze in der Gegenwartsform, wenn sie von Hanna spricht. „Sie ist immer freundlich und lieb. Sie hat ein Herz wie ein Kind, ist schüchtern, zurückhaltend, bekommt schnell Angst. Sie ist viel ruhiger als ich. Wenn ich mich aufrege, sagt sie, dass sie das gar nicht hören will, weil man nicht schlecht über Menschen sprechen soll“, beschreibt die Hinterbliebene ihre Freundin: „Diese Tat hat sie wirklich nicht verdient!“ Ein wenig Ruhe zieht Fiyameta aus einer Erkenntnis, zu der sie inzwischen gekommen ist: „Das passiert einem nicht, weil man ein guter oder ein schlechter Mensch ist, sondern so ist das Leben.“

Neues Zuhause ohne Blut auf der Treppe

Bei ihrer Zeugenaussage vor Gericht wirkte die zierliche Frau so zerbrechlich und klein, dass man hätte glauben mögen, sie sei höchstens 14 Jahre alt. In den 15 Monaten, die seither vergangen sind, hat sie ihre Energie wiedergefunden. Während sie in einem äthiopischen Restaurant sitzt und erzählt, kann sie auch wieder lachen. Viele Bausteine haben dazu beigetragen, dass sie heute ihr Leben wieder in die Hand nehmen kann: eine Psychotherapie, die Hilfe guter Freunde, Rückhalt im Job – und Zeit. „Zeit, Zeit, ich kann es nicht oft genug sagen“, meint sie. Stückweise baut sie nun ihr Leben wieder auf und verfolgt Ziele. Freie Nachmittage sind dabei kaum vorgesehen: Neben ihrer Berufstätigkeit macht sie in der Abendschule das Fachabitur, will dann in einem dualen Studium Soziale Arbeit studieren. Ihren Glauben, der nach der Tat erschüttert war, hat sie wiedergefunden. Sie lebt jetzt in einem anderen Haus, über dessen Treppenstufen kein Blut geflossen ist. Hier gibt es kein Trauma, sondern einen Brückenschlag zu dem, was vorher war: In ihrem Wohnzimmer steht ein großes Foto von Hanna, auf dem sie freundlich in die Kamera lacht.

Dieser Artikel erschien zuerst bei t-online.

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