November 18, 2021

Wenn Liebe und Urvertrauen fehlen

Ein Teenager-Drama mit Potential für einen Thriller beschäftigt derzeit das Landgericht Köln. Angeklagt ist ein 19-Jähriger, dem die Staatsanwaltschaft versuchten Mord vorwirft. Aus enttäuschter Liebe zu einer früheren Mitschülerin soll er deren Mutter mit 36 Messerstichen verletzt haben.

von Johanna Tüntsch

„Ich bin jetzt im achten Jahr bei der Polizei, aber das war vom Tatablauf her für mich schon etwas Herausstechendes“, hatte ein Polizist ausgesagt, der am 20. April 2021 nach Leverkusen zu einem Großeinsatz gerufen worden war. Eine Frau war im Eingangsbereich ihres Hauses mit Messerstichen massiv verletzt worden. Zu der Tat bekannte sich noch am gleichen Abend ein junger Mann, der mit der Tochter des Opfers zur Schule gegangen war. Dessen emotionale Reaktion hatte der Ermittler im Zeugenstand beschrieben als „eine Mischung aus geschockter Stille und Resignation über die Erkenntnis, dass das eigene Leben gerade einen Schritt in eine Richtung genommen hat, die man nicht gewollt hätte.“

In sich gekehrt, wie die Ermittler den Angeklagten schon in der mutmaßlichen Tatnacht erlebten, ist auch das Auftreten des Angeklagten vor Gericht. Meist sieht er aus dunklen Augen die jeweils sprechenden Personen an. Dann wieder gleitet sein Blick in die Ferne, wirkt wenig fokussiert – wie bei einem Schüler, der eine unwillkommene Unterrichtsstunde über sich ergehen lassen muss. Mit hängenden Mundwinkeln und verschränkten Händen gibt er ein Bild von Scham, Entsetzen und Traurigkeit ab. In seiner Aussage hatte er die Messerstiche gestanden, allerdings auch von einem Filmriss berichtet.

Unglücklich, unverstanden und einsam

Ob das zu erwartende Urteil tatsächlich auf versuchten Mord lauten wird, bleibt abzuwarten. Seinen Einlassungen zufolge hatte der Heranwachsende nämlich nicht geplant, die Mutter seiner früheren Mitschülerin anzugreifen. Viel ging es ihm darum, dem Mädchen selbst die Zusage einer gemeinsamen Zukunft abzuringen. Im Falle eines Korbes wäre er allerdings, das hatte er zugegeben, zu einem erweiterten Suizid entschlossen gewesen. Zu einem Freund soll er gesagt haben: „Dann soll sie kein anderer kriegen – und ich selbst will dann auch nicht mehr leben.“

Um ein Bild von dem jungen Menschen zu gewinnen, dessen Schicksal sich voraussichtlich in der kommenden Woche mit einem Urteil entscheiden wird, hatte die vierte Große Strafkammer während der vergangenen Wochen zahlreiche Zeugen geladen: Mitschüler, Lehrer, Familienangehörige des Angeklagten und des Opfers. Dabei schärfte sich zunehmend das Bild eines Jungen, dem seine hohe Intelligenz und sein zerrüttetes Elternhaus zum Verhängnis wurden: Beides trug dazu bei, dass er sich unverstanden fühlte und kaum Anschluss an Gleichaltrige fand. Die soziale Abkapselung während des Lockdowns scheint erschwerend hinzu gekommen zu sein. Im Unterricht hatte der Angeklagte zunehmend abgebaut und sich schließlich entschieden, kurz vor dem Abitur die Schule ganz abzubrechen.

„Vielleicht habe ich das falsch gemacht.“

Der Vater des Angeklagten

„Ich habe ihm zugeredet: Du hast es doch jetzt bald geschafft, mach weiter!“, erinnerte sich der Vater. Dem 80-jährigen Mann setzt es sichtbar zu, den Sohn vor Gericht zu sehen. „Wie geht es Ihnen heute?“, hatte die Richterin vom Zeugen wissen wollen, bevor sie die Befragung begann. „Ach, es geht“, war die leise Antwort des weißhaarigen Mannes gewesen, dem zu Beginn seiner Aussage mehrfach fast die Stimme wegzukippen schien. „Ich habe das vielleicht falsch gemacht“, sagte er immer wieder und zählte auf, was er damit meine: dem Jungen zu viel Ruhe gelassen. Zu wenig darauf gedrängt, dass er etwas für die Schule tue. Zu häufig akzeptiert, dass der Sohn im jugendlichen Alter gern allein in seinem Zimmer bleiben und Computer spielen wollte. Beschäftigt habe die schwierige Situation ihn durchaus, aber er habe keinen Rat gewusst. „Einmal hat er eine ganze Woche lang die Jalousie nicht hochgemacht. Wenn ich ihn gefragt habe, ob er keine Freunde hat, sagte er: ‚Ich brauche keine Freunde.‘ Psychologische Hilfe hat er kategorisch abgelehnt.“

Mutter lebte in der Nachbarschaft, sprach aber nicht mit dem Sohn

Die völlig zerbrochene Beziehung zu seiner geschiedenen Frau, der Mutter des Angeklagten, war nicht geeignet, irgendetwas zu verbessern. Erst vor wenigen Jahren hatte der Junge seinen Wohnsitz zum Vater verlagert, war damit jedoch noch immer in der direkten Nachbarschaft zur Mutter. Diese brach daraufhin den Kontakt mit ihrem Kind ab, wie sie selbst als Zeugin bestätigt hatte. Sie sagte auch aus, den deutlich älteren Mann aus finanziellen Gründen geheiratet zu haben, dann aber wegen unterschiedlicher Rollenvorstellungen oft mit ihm gestritten zu haben, bis es schließlich zur Trennung gekommen war. „Er war so sehr dominiert von dieser Mutter. Ich habe gedacht, ich müsste ihm Zeit geben“, erklärte der Vater seine tolerante Nachlässigkeit, durch die er zunehmend den Bezug zu seinem Kind verlor.

Traum vom Prärieleben

Die Mutter sei streitbar und strafe unverhältnismäßig, hatte ein Bruder des Angeklagten ausgesagt. Da er einer der wenigen ist, mit denen der 19-Jährige in den zurückliegenden Jahren engeren Kontakt hatte, kam er als Zeuge, obwohl es ihm schwerfiel. „Wenn ich jemanden etwas erzähle, wie Ihnen jetzt, fühle ich mich überhaupt nicht wohl“, sagte er zur Vorsitzenden Richterin und gab offen zu: „Hier zu sitzen, während er durch eine Scheibe hört, was ich sage, das tut mir unheimlich weh.“ Der Angeklagte sei sehr stark, sehr bedacht, wolle den Kopf frei haben für das Wesentliche – und er sei verletzlich wie ein Reh. Mit der gegenwärtigen Jugendkultur, in der es viel um geschönte Selbstdarstellung in sozialen Medien und wenig um authentische Dinge gehe, könnten sie beide wenig anfangen. Stattdessen habe der Angeklagte von einem kargen, aber ehrlichen Leben in der russischen Prärie geträumt.

Zum Traum vom Auswandern gehörte für den 19-Jährigen offenbar eine frühere Mitschülerin, in die er sich verliebt hatte. Ein Paar sind die beiden nie gewesen. „Sie war wohl eine Person, die zu ihm durchgedrungen ist“, war alles, was der Bruder dazu mutmaßen konnte. Eine Bemerkung der Schülerin, die dem Angeklagten abfällig und abweisend erschien, hatte dessen Zorn und Eifersucht geweckt. So entstand wohl sein Plan, ihr die Entscheidung zu einem gemeinsamen Leben abzuringen oder gemeinsam zu sterben. Am fraglichen Abend habe er mit einem Messer bewaffnet an der Tür der Familie geklingelt. Als ihm die Mutter öffnete, habe er in deren Augen geglaubt, die Augen des Mädchens zu erkennen. Er habe dann wohl zugestochen, könne sich aber nicht mehr wirklich an die weiteren Abläufe erinnern. Sowohl er als auch das Opfer selbst hatten später gesagt, es sei gewesen, als habe er in die Realität zurückgeholt werden müssen.

Opfer überlebte nur knapp

Differenziert legte die Rechtsmedizinerin Inga Bützler dar, welche 36 Verletzungen das Opfer erlitten hatte, sprach von „27 Hautdurchtrennungen“, von hoher Stichenergie, einer kollabierenden Lunge, Organen im Brustkorb, die sich verschoben. Die Forensikerin machte klar: „Ohne umgehende medizinische Maßnahmen wäre sie innerhalb von Minuten verstorben.“ Die Betroffene legte beim Zuhören gelegentlich eine Hand schützend vor das Gesicht und wischte sich mit Taschentüchern die Augen. Ihr Mann ließ keine Reaktion erkennen. Die Tochter der beiden zog sich, während die Gutachterin die lebensrettenden Schritte des Notarztes beschrieb, im warmen Gerichtssaal fröstelnd ihre dicke Winterjacke über. Der Vater des Angeklagten saß allein mit hängenden Schultern und einem meist zu Boden gesenkten Kopf nur wenige Plätze weiter.

Gellende Notruf-Schreie im Gerichtssaal

„Jetzt ist der Moment gekommen, an dem die Nebenklägerin und ihre Tochter den Saal verlassen sollten“, kündigte etwas später die Vorsitzende Richterin Ulrike Grave-Herkenrath an. Die Aufzeichnung des Notrufes sollte als Beweismittel abgespielt werden. Trotz der richterlichen Empfehlung entschieden sich beide Frauen zum Bleiben. Durch den Saal schrillte die jugendliche Mädchenstimme, die ihre Adresse durchgab und schrie: „Schnell, meine Mutter schreit unten. Ich glaube, es wurde eingebrochen.“ Auf die nüchterne Bitte der Beamten, dass zunächst weitere Angaben nötig seien, folgt ein erschütterndes Durcheinander von gellenden Mädchenschreien und einem fast animalisch anmutenden, panischen Brüllen ihrer lebensgefährlich verletzten Mutter. Dann bricht die Aufzeichnung ab.

„Intelligenz weit über dem, was wir messen können“

„Der Angeklagte sagte mir, er sehe nahezu jeden Tag innerlich die Bilder der Tat vor sich und das belaste ihn sehr“, berichtete Hanns Jürgen Kuhnert, der das psychologische Gutachten erstellt hatte. Der junge Mann habe seiner Veranlagung nach einen Intelligenzquotienten, der weit über dem Durchschnitt liege, „weit über dem, was wir überhaupt messen können.“ Seine Intelligenz sei aber nicht geformt und unterstützt worden. Er sei sensibel, empfindsam, chronisch gestresst, lebensunzufrieden, misstrauisch und bindungsgestört. Der Heranwachsende, dem Small Talk nicht liege, habe ein narzisstisches Einzelgängertum entwickelt. Unter anderem zeige er auch zwanghafte und depressive Züge. „Ich gehe davon aus, dass er von der Haft profitiert. Dort findet er äußerlich eine ausgeprägte Struktur, die ihm innerlich fehlt. Er ist sehr verkopft, aber bis jetzt nicht ins Leben gegangen. In einer Therapie müsste er in kleinen Schritten Vertrauen lernen“, so Kuhnert.

Orientierungslos durch ambivalente Erziehung

„Er ist wohl so geworden, weil er sich nie richtig verstanden gefühlt hat“, zitierte die psychiatrische Gutachterin Konstanze Jankowski später Worte der Abiturientin, deren Mutter zum Tatopfer wurde. Die Psychiaterin referierte aus Gesprächen, die sie mit dem Angeklagten hatte, und gab damit Einblick in eine verstörende Kindheit. „Als er klein war, soll seine Mutter zu ihm gesagt haben: Sie bereue, dass er geboren worden sei. Am liebsten würde sie ihn töten und im Blumenbeet begraben.“ Später soll der Junge erlebt haben, dass die Mutter die älteren Brüder schlug und trat, ihn hingegen bevorzugte. „Meine Wahrnehmung von Gefühlen litt. Wem sollte meine Loyalität gelten? Wenn man so unterschiedliche Signale kriegt, wie soll man sie bewerten?“, seien die Worte, mit denen er selbst dieses Erleben kommentiert habe. Zusätzlich sollen Kränkungen durch andere Kinder hinzugekommen sein. In der Grundschule habe ihn ein älterer Schüler gezwungen, sich vor anderen nackt auszuziehen. „Urvertrauen konnte sich nicht entwickeln, Liebe hat gefehlt“, so die Erkenntnis der Psychiaterin. Im Gegensatz zu ihrem Kollegen geht sie von einer Persönlichkeitsstörung aus.

Jugendgerichtshilfe: erst „Diktatur“, dann Erziehungsvakuum

Der Termin für die Urteilsverkündung, die nach der ursprünglichen Planung schon hätte stattfinden sollen, steht noch nicht fest. In einer ergänzenden Stellungnahme sollen die Gutachter aus Psychologie und Psychiatrie sich am Montag dazu äußern, ob für den 19-Jährigen Sicherheitsverwahrung angeordnet werden muss. Uneinigkeit herrscht unter den Fachleuten zur Frage, ob der Heranwachsende nach dem Jugendstrafrecht zu verurteilen ist. Diese Möglichkeit besteht für Heranwachsende, also bis zum Alter von 21 Jahren, wenn sie in ihrer Entwicklung noch jugendtypische Merkmale aufweisen. Die Psychiaterin sprach sich dagegen aus und erklärte knapp: „Er hat die Tat kurz vor seinem 19. Geburtstag begangen, er war nicht mehr jugendlich.“ Ein Mitarbeiter der Jugendgerichtshilfe sah das anders. Er hatte sich nachdrücklich dafür ausgesprochen, angesichts der Reifeverzögerung des Angeklagten das Jugendstrafrecht anzuwenden. Dem „diktatorischen Erziehungsstil der Mutter“ sei nach dem Umzug zum nachsichtigen Vater ein vierjähriges „Erziehungsvakuum“ gefolgt. Diese Tatsache müsse man mit Blick auf die Entwicklung des jungen Mannes im Alter zwischen 15 und 19 unbedingt berücksichtigen.

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