September 6, 2022

Zwei Morde auf dem Weg zum Fitnessstudio

Ein Doppelmord erschütterte Köln, als im November 2021 die Leichen eines Vierjährigen und seiner Mutter aus dem Rhein geborgen wurden. Der Täter wurde nun wegen zweifachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt.

Sie waren eine Kleinfamilie, wie es Tausende gibt: die alleinerziehende Mutter mit einem Jungen im Kindergartenalter. Während die 24-jährige sich um ihr Studium kümmerte und mit Nebenjobs versuchte, das nötige Geld für den Alltag zusammenzubringen, beschäftigte ihr Sohn sich mit Dinosauriern, liebte seinen Großvater und wurde gelegentlich von der Tante ins Bett gebracht, wenn seine Mutter arbeiten mussten. Der Gedanke daran, dass, warum und wie das Leben der beiden zu Ende ging, ist schwer zu ertragen: Sie wurden erstochen und in den Rhein geworfen.

Vor der 11. Großen Strafkammer des Kölner Landgerichts wurde am Dienstag ein 24-Jähriger wegen des Mordes an beiden zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Die Kammer stellte dabei auch die besondere Schwere der Schuld fest. Der Angeklagte ging mit der Frau, die sein Opfer wurde, zur Schule. Der kleine Junge im Kindergartenalter war sein Sohn. „Es ist ein Fall, der auch für die Schwurgerichtskammer ungewöhnlich ist und im oberen Drittel liegt, eine einzige Tragödie“, so die Vorsitzende Richterin Sabine Kretzschmar, die in ihrer Urteilsbegründung zunächst ein Bild der beiden Mordopfer zeichnete.

Der Vierjährige kannte schon das Alphabet

Die junge Mutter, 24 Jahre alt, habe mit ihrem Vater, einer jüngeren Schwester und ihrem kleinen Sohn zusammen in Kalk gelebt. Der Junge sei „fröhlich, aufgeweckt, gut erzogen“ gewesen, ein echter Dinosaurier-Fan, der die verschiedenen Arten der Tiere auswendig gewusst und mit seinen vier Jahren auch schon das Alphabet gekannt habe. Seine Mutter habe sich liebevoll seiner Erziehung gewidmet, nebenher aber auch studiert, um einmal Lehrerin zu werden. Trotz ihrer Nebenjobs als Kellnerin und Nachhilfelehrerin habe sie für eine geordnete Tagesstruktur ihres Kindes gesorgt.

Die Mutter: willensstark und bisweilen etwas verschlossen

 „Lieb, höflich, lebensfroh und willensstark“, so hätten Zeugen die 24-jährige Kölnerin beschrieben, dabei aber auch „eine gewisse Verschlossenheit“ erwähnt. So hatte sie nach ihrem Abitur im Jahr 2017 ihre Schwangerschaft vor Freunden und Familie konsequent verheimlicht. Erst vom Krankenhaus aus habe sie ihren Vater angerufen, um zu erzählen, als er Großvater geworden war. Die Familie sei überrascht gewesen, habe den Kleinen aber „in die funktionierende Patchworkfamilie aufgenommen.“ Wer der Vater des Kleinen sei, habe die junge Frau für sich behalten und zunächst auch nur von Kindergeld, BAföG und ihrem Einkommen aus Nebenjobs gelebt.

Dann habe sie im Laufe des Jahres 2021 beim Jugendamt einen Antrag auf Unterhaltsvorschuss gestellt. Der setzte offenbar eine Kette von Ereignissen in Gang, deren Schlusspunkt der Tod zweier Menschen ist. Zunächst habe die 24-Jährige die Identität des Kindsvaters nicht preisgeben wollen, für den sie einen 35-Jährigen gehalten habe, mit den sie zum fraglichen Zeitpunkt eine kurze Affäre gehabt hatte. Dieser habe bereits drei Kinder mit zwei Frauen gehabt. Angesprochen auf die Schwangerschaft, habe er Zweifel geäußert, seine Vaterschaft allerdings auch nicht ausgeschlossen, sondern sich Bedenkzeit erbeten. Gegenüber der zuständigen Sachbearbeiterin habe die junge Mutter gesagt, es habe nach einer Party eine gemeinsame Nacht mit einem ihr nicht bekannten Mann gegeben. Da sie aber weder zum Ort des Geschehens noch zu Namen und Aussehen des Mannes Angaben gemacht habe, schenkte diese ihr keinen Glauben und lehnte den Antrag auf Unterhaltsvorschuss wegen mangelnder Mitwirkung ab.

Störfaktoren im bürgerlichen Leben des Vaters

Die 24-Jährige ging daher erneut auf dem vermeintlichen Vater zu, der sich schließlich zu einem Test bereiterklärte. Dieser fiel allerdings negativ aus. Daraufhin habe sie den Angeklagten, ihren früheren Mitschüler kontaktiert, mit dem sie vor Jahren ebenfalls kurzzeitig eine Affäre hatte. Der wollte von einer möglichen Vaterschaft nichts wissen: „Er sah sie als Störfaktor für sein künftiges Leben“, fasste Kretzschmar die Reaktion des jungen Vaters zusammen. Zum einen habe er bald heiraten wollen. Mehr noch als die Reaktion seiner zukünftigen Frau habe er aber die seiner Eltern gefürchtet. Auch die Aussicht auf Unterhaltspflicht sei dem jungen Mann, der beruflich gut aufgestellt gewesen sei und eine Eigentumswohnung gehabt habe, ungelegen gewesen.

Der Angeklagte wollte seine Eltern nicht enttäuschen

Wenn die Vorsitzende Richterin Chatverläufe und Gespräche rekapituliert, die stattgefunden haben sollen, tritt immer wieder ein Punkt zu Tage: Der Angeklagte wollte unter allen Umständen, dass seine Eltern nichts erführen. Von seiner Freundin hätte er sich vorstellen können, dass sie sich mit einer Vaterschaft abgefunden hätte, da die Affäre so viele Jahre zurücklag. Den Eltern sollte jedoch die Enttäuschung erspart bleiben, dass ihr Sohn sich nicht an ihre Werte gehalten habe.

Beim Jugendamt bat die junge Mutter um einen zeitlichen Aufschub, weil sie sich damit schwertat, durch eine Offenlegung der Fakten das Leben ihres früheren Mitschülers aus der Bahn zu bringen. Ihrer besten Freundin gegenüber soll sie, ohne den Namen desjenigen zu nennen, ihr Dilemma geschildert haben: Sie wolle ihm nicht schaden, aber auch nicht jeden Monat auf 400 Euro verzichten. Während all dieser Überlegungen beschäftigten den Angeklagten bereits ganz andere Fragen. Er recherchierte den Ermittlungen zufolge zunächst zu Fragen von Vaterschaft und Unterhalt, dann zu KO-Tropfen und wie man diese beschaffen oder selbst herstellen könne.

Mutter kam arglos mit Kind zum Treffpunkt

Die Kammer sah es daher als erwiesen an, dass der junge Mann planvoll vorging, als er am 14. November abends die junge Mutter anrief und um ein Treffen bat. Zuvor soll er mit seiner Mutter und zwei Tanten zu Abend gegessen und Tee getrunken, dann eine Sporttasche fürs Fitnessstudio gepackt haben. Die 24-Jährige sei arglos gewesen, da sie von dem Mann, den sie jahrelang kannte, keinerlei Gefahr vermutet habe. Anderenfalls hätte nach Einschätzung von Zeugen die als vorsichtig geltende Frau keinesfalls ihren Sohn mitgebracht, der zuvor sogar schon bettfertig gewesen sei. Auf eine besorgte Nachfrage ihrer Schwester, was sie vorhabe, habe sie nur lachend gesagt: „Ich entführe jetzt mein eigenes Kind.“

Vermeintlich, um nicht von Bekannten gesehen zu werden, habe der Angeklagte einen abgelegenen Treffpunkt am Niehler Hafen vorgeschlagen. Dort habe er Mutter und Sohn zu einem nächtlichen Spaziergang zum Rhein ermuntert. Dann, so rekonstruierte die Vorsitzende, habe er die frühere Mitschülerin mit einem Schlag auf den Kopf und Faustschlägen ins Gesicht außer Gefecht gesetzt, anschließend mit mehreren Messerstichen ermordet. Den kleinen Jungen, der erfasst haben müsse, dass er nun ohne Schutz sei, habe er danach überwältigt und ebenfalls mit mehreren Messerstichen getötet, schließlich beide Leichen in den Rhein geworfen. Nach mehreren Prozesstagen hatte der Angeklagte die Vorwürfe gestanden.

Richterin: Tragödie für beide Familien

Unmittelbar nach der Tat, so die Richterin, sei der Angeklagte ins Fitnessstudio gefahren. Unterwegs habe noch einem Bekannten zu dessen Geburtstag gratuliert und später in der Nacht mit Freunden eine Shisha-Bar aufgesucht. „Trauer, Verzweiflung und Wut der Familie es Opfers sind nachvollziehbar groß“, so Richterin Kretzschmar, „doch auch die Familie des Angeklagten ist stark betroffen und stellt sich die Frage: Haben wir etwas falsch gemacht?“

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