November 14, 2021

Der Seebär und die Hausfrau vom Niederrhein

Ein früherer Häftling war in Bonn angeklagt, weil er eine Briefpartnerin erpresst haben sollte. Liebesbriefe der Frau ließen den Fall dann allerdings in einem anderen Licht erscheinen.

von Johanna Tüntsch

Das war wohl ein bisschen mehr Abenteuer, als eine 43-jährige Ehefrau und Mutter vom Niederrhein sich gedacht hatte: Über eine Kontaktbörse, die auf die Verbindung zwischen Häftlingen und Menschen außerhalb der Gefängnisse spezialisiert ist, hatte sie die Brieffreundschaft zu einem Häftling begonnen. Auf einmal wurde ihr die Sache mulmig, und sie zeigte den Mann wegen räuberischer Erpressung an. Vor dem Landgericht Bonn wurde verhandelt, ob dieser sich tatsächlich schuldig gemacht hatte.

„Er hatte inseriert, er sei ein Seebär und schon viel über die Meere geschippert, das hat mir gefallen“, so die Zeugin. Schon nach dem zweiten oder dritten Brief habe er dann aber angefangen, Forderungen zu stellen, die immer unverschämter geworden seien: anfangs nur nach Kaffee und Zigaretten, später nach Markenkleidung. Gegipfelt sei dies schließlich in vier Geldforderungen nach jeweils mehreren hundert Euro, wegen derer sie ihn auch angezeigt habe. Er habe, teils per Brief, teils am Telefon, gedroht, ihr Haus und ihr Auto mit Blausäure zu überschütten und ihrem Mann etwas anzutun.

Angeklagter: „Sie wollte ihren Mann für mich verlassen“

Das passte so gar nicht zu dem Eindruck, den der korpulente Hamburger (47) vor Gericht machte. Er wies die Vorwürfe der Anklage weit von sich: „Das stimmt so alles nicht. Ich habe noch nie in meinem Leben jemandem Gewalt angetan.“ Vielmehr hätte man sich über viele Monate hinweg kennen und lieben gelernt. „Es gab 40 oder 50 Briefe, ich habe jeden Tag darin gelesen. Aber als ich begriffen habe, das Schluss war, habe ich sie im Rahmen einer Therapie alle verbrannt.“ Die psychotherapeutische Behandlung hatte in Bonn stattgefunden, daher wurde der Fall in Bonn verhandelt. In den Zeitraum der Therapie, Februar und März 2010, fielen auch die angezeigten Drohungen.

Der Angeklagte zeichnete ein Bild, das durchaus plausibel klang und zu den wenigen Briefen passte, die aus der Korrespondenz des Paares noch existieren und dem Gericht vorlagen: Man habe sich ineinander verliebt, die Frau habe ihren Mann verlassen wollen, man habe eine gemeinsame Zukunft geplant. Deswegen habe er, sobald wieder auf freiem Fuß, in Bonn eine Wohnung für den gemeinsamen Neuanfang gesucht. Als es dann zur Trennung gekommen sei, habe er gebeten, dass die Bekannte wenigstens die Hälfte der 600 Euro Maklerkosten, die er vorgestreckt habe, erstatten möge. Die Formulierung in etwa: „Es wäre schön, wenn du das Geld bis nächste Woche schicken könntest, denn ich brauche ja wieder Geld.“ Wenige Zeilen später hieß es: „Ich liebe dich abgöttisch“ und ging im gleichen Tenor weiter.

Richter konfrontiert Zeugin mit ihren Liebesbriefen

Richter und Staatsanwältin waren sich schließlich einig, dass aus diesen Briefen keine Drohung oder räuberische Erpressung zu entnehmen sei. Die Frage, was in dieser Richtung möglicherweise am Telefon gesagt worden sei, wurde schließlich nicht weiterverfolgt, da die Zeugin selbst sich in Widersprüche verstrickte. „Es war ein ganz normaler Briefkontakt, den ich nach vier Wochen abgebrochen habe“, sagte sie zunächst. Der Richter konfrontierte sie mit einem Schreiben, das sie Monate nach dem angeblichen Kontaktabbruch aufgesetzt hatte: „Sie schreiben hier: Mein geliebter Schatz! Weiter geht es: Sie seien in großer Liebe und Verzweiflung, weil er sich nicht mehr gemeldet habe. Ich will nicht alles vorlesen, um Sie nicht bloßzustellen, aber in diesem Brief steckt die deutliche Aufforderung an ihn, wieder zu schreiben!“ Die Zeugin erklärte: Sie habe eben versucht, sich in kleinen Schritten aus der Affäre zu ziehen.

Dem Richter wurde das alles augenscheinlich zu bunt. Er brach die Aussage der Frau, die im Übrigen in der Vergangenheit bereits zweimal nicht zu ihrer Aussage erschienen war, ab und stellte mit Zustimmung der Staatsanwaltschaft das Verfahren ein.

Der Artikel erschien erstmals 2012 in der Bonner Rundschau.

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