November 14, 2021

Die lukrative Einsamkeit der anderen

Auf der Suche nach einem amourösen Neubeginn handeln Menschen bisweilen recht leichtsinnig. Ein Angeklagter, dessen Fall in Königswinter verhandelt wurde, hatte das ausgenutzt.

von Johanna Tüntsch

Das Geschäft mit der Einsamkeit der anderen war lukrativ für einen 36-jährigen Familienvater aus Bad Honnef, der als Bankkaufmann arbeitslos geworden war: 15.000 Euro Provision erhielt er im Dezember 2010 dafür, dass er zuvor mehrfach Frauen dazu gebracht hatte, zahlreiche Kurznachrichten an eine kostenpflichtige Chat-Nummer zu senden. Vor dem Amtsgericht Königswinter war er bereits im März wegen Betruges und versuchten Betruges zu einer Geldstrafe von 600 Euro verurteilt worden. Dagegen hatte er jedoch Berufung eingelegt, so dass es nun zum erneuten Verfahren vor der Berufungskammer am Landgericht kam. Hier wurde vor Richter Eugen Schwill der Tathergang nochmals aufgerollt.

„Robert, 46, Archtikt, sucht nette Frau für Neubeginn“, hatte der 36-Jährige in einer Zeitungsanzeige geschrieben. Ein anderes Mal gab er sich als „Ralf, 45, Arzt“ aus und gab zunächst eine reguläre Handynummer für die Kontaktaufnahme an. In beiden Fällen schrieben ihn Frauen an, denen er nach der ersten SMS schrieb, man möge bitte in Zukunft eine andere Nummer für den Austausch verwenden. Diese Nummer war jedoch eine kostenpflichtige Sondernummer: Sobald die Frauen an diese Nummer Nachrichten schickten, wurden ihnen diese mit 1,99 Euro berechnet. Als die Telefonrechnung auf einmal eine Höhe von 100 Euro hatte, wurde eine der Frauen auf den Schwindel aufmerksam. Sie konnte erreichen, dass ihr Telefondienstleister das Geld zurückbuchte, so dass der Betrug in diesem Fall nur als versucht galt. Eine andere Frau jedoch, die deutlich mehr SMS geschickt hatte, blieb auf ihrem Schaden von 764 Euro sitzen.

Richter: „Solche Dreistigkeit noch nicht erlebt“

Besonders perfide: Der Angeklagte hatte nicht nur eine falsche Persönlichkeit erschwindelt, sondern im Folgenden auch gar nicht mehr selbst auf die SMS geantwortet. Dies lief über das Call-Center eines Unternehmens, das im Hintergrund arbeitete. Aufgrund der hohen Provision von 15.000 Euro ging das Gericht davon aus, dass noch unzählige weitere Personen durch den Trick geschädigt worden waren, ohne den Betrug zur Anzeige gebracht zu haben. Richter Schwill machte keinen Hehl daraus, dass er das Urteil des Amtsgerichtes für milde hielt. „Wahrscheinlich wurde nur ein Bruchteil dessen, was geschehen ist, aufgedeckt“, sagte er. Mit deutlichen Worten legte er dem Angeklagten nahe, seinen Einspruch gegen die Strafe von 600 Euro zurück zu ziehen: „Solche Dreistigkeit ist mir noch nicht untergekommen!“ Der Angeklagte, der zu seiner Verteidigung nur hervorzubringen wusste, dass er „Leute unterhalten“ habe wollen, zog den Einspruch schließlich auch zurück und akzeptierte die vergleichsweise niedrige Geldstrafe.

Der Artikel erschien erstmals 2012 in der Bonner Rundschau.

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