November 14, 2021

Drei Jahre Stadtverbot für Stalker

Es war einer der ersten Stalking-Fälle, auf die das damals neue Gesetz Anwendung fand: Eine Frau wehrte sich vor dem Amtsgericht Rheinbach erfolgreich gegen die Nachstellungen ihres einstigen Liebhabers.

von Johanna Tüntsch

Ein Psychodrama vor dem Rheinbacher Amtsgericht: Angeklagt war ein 48-jähriger Feinmechaniker, der nicht einsehen wollte, dass seine Liebe verschmäht wurde. Über 200-mal hatte er zwischen Mai 2003 und Mai 2004 seine frühere Partnerin kontaktiert, eine Pharmareferentin, die sich Anfang des Jahres 2003 nach einer gut zweijährigen Beziehung von ihm getrennt hatte. Telefonanrufe, teilweise anonym, viele Dutzend Kurznachrichten per Handy und persönliches Auflauern in den Straßen, vor der Haustür, in der Kirche, in Geschäften: Obwohl die 42-Jährige in ihrer Not eine einstweilige Verfügung erwirkte, laut welcher sich der Liebeskranke ihr nicht weiter als auf 20 Meter nähern durfte, hielt er sich immer wieder in ihrer Nähe auf. „Stalking“ nennen Fachleute diese Art der Verfolgung, welche beim Opfer in der Regel extreme Verunsicherung, wenn nicht gar gesundheitliche Schäden hervorruft.

„Ich habe sie nicht verfolgt“, bestritt er kategorisch die zahlreichen Einzeltaten der Anklage. Wohl sei er aber häufig in der Stadt gewesen, in der sie lebt: „Ich verbinde mit ihrem Ort wunderschöne Erinnerungen. In meiner Heimatstadt hingegen wohne ich nur, verbringe dort aber überhaupt keine Freizeit.“ Mit einem süffisanten Grinsen berief er sich auf Paragraf 11 des Grundgesetzes, welches ihm erlaube, sich frei zu bewegen. Er fahre in der fraglichen Kleinstadt nun einmal gern mit dem Rad. Im Übrigen sei ihm durch die einstweilige Verfügung ja nur verboten gewesen, sich unmittelbar am Haus der Nebenklägerin aufzuhalten. Warum also nicht auf der anderen Straßenseite spazieren gehen? Warum nicht ihrem Sohn beim Fußballspielen zusehen? Warum nicht die Ferien gleichzeitig mit ihr an der Ostsee verbringen? Völlig zufällig sei er in der Vorweihnachtszeit innerhalb eines Nachmittages im gleichen Buchladen und im gleichen Copy-Shop gewesen wie sein Opfer. „Man könnte Sie beide für das perfekte Liebespaar halten, so häufig kreuzten sich nach Ihren Angaben per Zufall Ihre Wege“, kommentierte die Staatsanwältin zynisch diese Ausführungen.

Brennendes Grablicht zu Ostern

„Zu Ostern fand ich ein brennendes Grablicht vor meiner Tür. Das war mit Abstand das Ekelhafteste und Schlimmste, was mir in meinem Leben passiert ist“, erinnerte sich im Zeugenstand die zierliche blonde Frau, die als Nebenklägerin auftrat. Mit fester Stimme machte sie ihre Aussage. „Hier zu sitzen, ertrage ich nur, weil ich meine Kinder und mich vor ihm schützen will. Für mich ist er der größte Idiot!“

In einer anderen Kleinstadt der Region erwirkte im vergangenen Jahr eine weitere Frau eine einstweilige Verfügung gegen den Mann: Auch ihr hatte er nach einer gescheiterten Liebesbeziehung penetrant nachgestellt. Selbst der Verteidiger äußerte den Verdacht, dass der Feinmechaniker, der angab, für das Toyota-Formel 1-Team zu arbeiten, nach Recherchen der Anwältin der Nebenklage in dieser Firma jedoch gar nicht namentlich bekannt ist, mental nach besonderen Regeln funktioniert: „Er hat definitiv eine Persönlichkeitsstörung und braucht eine Behandlung.“

Angeklagter: „Würde gerne straffrei bleiben“

Tatsächlich soll sich der Angeklagte darum auch bemüht haben: ausgerechnet bei jener Psychotherapeutin, die, wie er wusste, sein Stalking-Opfer betreute. Eine akute Belastungsstörung, Schlaflosigkeit, Appetitmangel, Gewichtsverlust und Herzbeschwerden trieben die verzweifelte Frau zu verschiedenen Ärzten, die im Prozess als Zeugen aussagten. „Natürlich wollte ich sie nicht verletzen“, bekannte etwas lax der spät einsichtige Angeklagte und erbat sich ein mildes Urteil: „Ich würde nämlich gern weiterhin straffrei bleiben.“ Diesen Gefallen tat ihm Amtsrichter Ulrich Schulte-Bunert nicht: Wegen Körperverletzung und weil er am 10. Oktober 2004 alkoholisiert Auto gefahren war, verurteilte er den Mann zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von sechs Monaten und zwei Wochen. Die Haft wird drei Jahre lang zur Bewährung ausgesetzt. In dieser Zeit darf der Verurteilte die Stadt, in der die Nebenklägerin lebt, weder betreten, noch hindurchfahren und hat sich von seiner Angebeteten sowie ihren Kindern in jeder Hinsicht fernzuhalten.

Der Artikel erschien erstmals 2005 in der Bonner Rundschau. Erst seit 2007 gilt Stalking (im Juristendeutsch: Nachstellung) in Deutschland als Straftat

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