November 14, 2021

Geldstrafe für gläubigen Choleriker

Theologen sind auf der Anklagebank eher unterrepräsentiert. Erst recht, wenn es um Gewaltdelikte geht. Umso bizarrer der Fall eines Theologie-Studenten, der wegen Körperverletzung angeklagt war.

von Johanna Tüntsch

Selig sind die Friedfertigen: ein Theologie-Student aus Swisttal, der diesbezüglich die Bibel vielleicht noch einmal etwas genauer studieren sollte, wurde am Freitag wegen Körperverletzungen vor dem Rheinbacher Amtsgericht verurteilt. Der 25-Jährige hatte am 18. Mai in Bornheim-Brenig einen 33-jährigen Bonner unvermittelt in den Brustkorb und gegen den Oberschenkel getreten.

Ein Grund für seine aggressive Handlung schien ihm durchaus gegeben: „Ich fuhr mit meiner Frau im PKW über einen Gemüseweg in Brenig. Vor uns ging ein Pärchen zu Fuß, deswegen bremste ich ab. Die beiden gingen in die Mitte des Weges, so dass ich auf den Grünstreifen ausweichen musste, und zeigten mir den Stinkefinger.“ Entschlossen, sich so etwas nicht bieten zu lassen, sprang der angehende Geistliche aus dem Wagen. „Der Mann kam schon auf mich zu. Er schien nicht gerade schmächtig, und da dachte ich mir: er oder ich.“ Also hätte er den Mann zweimal getreten.

Richter: Fragezeichen angesichts der Berufswahl

Ulrich Schulte-Bunert zeigte sich angesichts dieser Schilderung fassungslos. „Sollten Sie nicht als Theologe Konflikte anders lösen können? So unfassbare Rücksichtslosigkeit habe ich selten erlebt“, bekannte der Richter und fragte den Angeklagten schließlich, ob er nicht den völlig falschen Beruf anstrebe: „Da kann ich wirklich nur noch Fragezeichen setzen.“ Der junge Mann konnte das augenscheinlich nicht nachvollziehen: „Nein, ich möchte Jugendpastor werden. Die Arbeit mit Straßenkindern macht mir großen Spaß.“ Im Übrigen habe ihm seine Aggressivität ja durchaus bereits kurz nach dem Vorfall leidgetan. Er fuhr zurück, um sich bei dem Spaziergänger zu entschuldigen – warf diesem allerdings gleichzeitig vor, dass er ihn ja nun einmal auch provoziert habe. „Wir sehen uns vor Gericht“, entgegnete nur völlig entnervt der Mann, der noch einen Monat später an schmerzhaften Rippen- und Oberschenkelprellungen litt – und traute seinen Ohren kaum, als ihn der kampfeswütige Pfarreranwärter fragte, ob er eigentlich nachts noch ruhig schlafen könne.

„Das war aber doch auf keinen Fall als Drohung gemeint“, versicherte mit großer Geste der Angeklagte im Verhandlungssaal. Vielmehr hätte die Frage darauf abgezielt, dass der geschundene Fußgänger doch wohl nachts nicht mehr gut schlafen könne, bevor er sich nicht für seine provokative Geste – den erhobenen Mittelfinger – entschuldigt hätte. Der Angestellte bestritt im Zeugenstand, den Autofahrer auf solche Weise überhaupt erst in Rage gebracht zu haben, doch Schulte-Bunert maß dieser Frage ohnehin keine große Bedeutung bei. „Selbst wenn es so gewesen wäre, wäre dies eine völlig unangemessene Reaktion“, wies er mit empörter Stimme den gläubigen Choleriker zurecht. Der muss nun für seinen Ausbruch teuer bezahlen. Zu einer Geldstrafe von 600 Euro verurteilte der Richter den BaföG-Empfänger, außerdem darf er einen Monat lang kein Kraftfahrzeug führen. Zusätzlich wird eventuell der 33-Jährige Schmerzensgeld verlangen.

Der Artikel erschien erstmals 2004 in der Bonner Rundschau.

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