November 14, 2021

Jungenstreich: Selbst Richter amüsiert

Richter und Angeklagter sehen sich an und kichern gemeinsam über die Absurdität eines Vergehens: Das ist vor Gericht selten, kann aber auch vorkommen.

von Johanna Tüntsch

„Ach, was muss man oft von bösen Kindern hören oder lesen!“ So schrieb schon 1865 Wilhelm Busch und erfand Max und Moritz, die bei all ihrer Frechheit doch als liebenswürdige Komiker in die Literaturgeschichte eingingen. Für einen Streich, der dieser beiden Schelme durchaus würdig gewesen wäre, mussten sich gestern vor dem Rheinbacher Amtsgericht ein Maschinenführer (23) und ein Bäcker (25) verantworten, die auch äußerlich – der eine schlacksig und blond, der andere dunkelhaarig und etwas rundlicher als sein Freund – den beiden Kinderhelden ähnelten. Am 31. Oktober 2004 waren sie auf der Landstraße zwischen Weilerswist und Heimerzheim mit einer Geschwindigkeit von 120 statt 70 Kilometern pro Stunde geblitzt worden. Ärgerlich, aber für die sportlichen Jungs aus dem Kreis Euskirchen vermeintlich kein Problem, zumal der Fahrer Werkzeug im Kofferraum hatte.

Wie Max und Moritz auf den Schornstein der Witwe Bolte, kletterten sie auf das Dach des Wagens. In der Hand hielten sie dabei zwar keine Angel für die fertigen Brathähnchen, aber einen Hammer: „Wir wollten den Starenkasten aufschlagen und dem Film rausholen“, gab mit beschämtem Grinsen der 23-jährige Fahrer zu: „Blöde Sache.“ Zumal sie den Tatort weniger erfolgreich verließen als ihre literarischen Vorbilder: „Wir haben es immer wieder abwechselnd probiert, aber der Kasten war zu stabil.“ – „Und so wurden sie von der Polizei aufgegriffen?“, fragte Amtsrichter Ulrich Schulte-Bunert. „Ja. Aber da standen wir gerade nicht mehr auf dem Dach, sondern saßen im Wagen. Erst kam nur ein Streifenwagen, später dann noch drei“, schilderte der Maschinenführer. Der Bäcker ergänzte: „Mich haben sie gleich in Handschellen abgeführt, weil sie mich mit einem Schwerverbrecher verwechselt haben.“

„Behalten Sie den Hammer!“

Bis dahin hatten die beiden an der Foto-Anlage bereits einen Schaden von über 4700 Euro angerichtet. „Einen Teil davon habe ich schon abgezahlt“, beteuerte der Fahrer. Das Bemühen, durch ein umfassendes Geständnis seriös zu wirken, und die Belustigung über das Bizarre der Situation fochten auf seinem Gesicht einen offenen Kampf aus. Das ging Schulte-Bunert nicht anders: Während der Staatsanwalt sein Plädoyer vortrug, streiften die Blicke des Richters die des angeklagten Autofahrers, und beide mussten kichern.

Geklärt werden musste schließlich noch, was mit dem sichergestellten Hammer geschehen sollte: „Den werden Sie jetzt für den Starenkasten nicht mehr brauchen“, mutmaßte Schulte-Bunert. Der 23-Jährige winkte sofort generös ab: „Nein, nein, behalten Sie den!“ Zur Urteilsverkündung wurde es dann nochmal ein wenig ernster. Wegen gemeinschaftlicher Sachbeschädigung verurteilte der Richter jeden der beiden Angeklagten zu einer Geldstrafe von 1000 Euro. Für die beschädigte Anlage müssen sie ohnehin aufkommen, wie zivilrechtlich bereits geklärt worden war. Wegen des flotten Tempos, in dem er unterwegs war, gab der Fahrer außerdem einen Monat lang seinen Führerschein ab und kassierte vier Punkte in Flensburg. Bleibt nur noch zu hoffen, dass man mit Wilhelm Busch schließen darf: „Gott sei Dank! Nun ist’s vorbei mit der Übeltäterei…“

Der Artikel erschien erstmals 2005 in der Bonner Rundschau.

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