November 14, 2021

„Mehr ein Bootcamp als eine Familie“

Pflegekinder als Geschäftsmodell? Eine Pädagogin hatte ihre Pflegesöhne tagelang auf die Gästetoilette gesperrt und in mannigfaltiger Weise misshandelt. Der sichtlich entsetzte Richter verhängte eine Bewährungsstrafe.

von Johanna Tüntsch

Die Situation zweier Brüder, die Amtsrichter Ulrich Feyerabend in einer aktuellen Urteilsbegründung Revue passieren ließ, erinnert ein wenig an Charles Dickens‘ traurigen Roman Oliver Twist. Die Jungen, Jahrgang 1992 und 1994, waren 2001 aus Köln nach Ittenbach in eine Pflegefamilie gekommen, nachdem ihre familiäre Situation sich prekär entwickelt hatte: Nach dem Tod des Vaters konnte die Mutter die Wohnung alleine nicht halten, musste umziehen, wurde depressiv und lebte mit ihren beiden Söhnen noch monatelang in Umzugskartons. Nach zwei Jahren ergebnisloser Familienhilfe wurden die Jungs in einer Pflegefamilie untergebracht.

Hier trafen sie auf einen ausgebildeten Erzieher und eine ausgebildete Erzieherin, die gemeinsam zwei Kinder hatten sowie zwei weitere Kinder aus einer früheren Beziehung des Mannes. Alles hätte schön werden können, doch tatsächlich begann ein Albtraum für die beiden jungen Kölner. Wegen Freiheitsberaubung, zweifacher Misshandlung Schutzbefohlener und zweifacher Körperverletzung wurde die Pflegemutter (50) nun nach sieben Prozesstagen, die jeweils von morgens bis abends dauerten, zu einer Haftstrafe von anderthalb Jahren verurteilt. Diese wird drei Jahre lang zur Bewährung ausgesetzt.

Pädagogin brach ihrem Pflegesohn den Oberarm

„Das erste Jahr war noch ganz gut. Danach fingen die Schikanen an“, soll dem Richter zufolge der ältere der beiden Brüder, heute 18, ausgesagt haben. Obwohl die beiden Jungs sich keineswegs harmonisch in die Familie eingefügt hätten, hätten die Pflegeeltern ein weiteres Kind aufgenommen; ein behindertes Mädchen. „Warum?“, fragte Richter Ulrich Feyerabend fassungslos: „Es klappte doch so schon nicht!“

Immer wieder sei es zwischen den Brüdern und ihren Pflegeeltern zu Auseinandersetzungen gekommen, die zu teils drakonischen Strafen geführt hätten, schilderte Richter. Zum Strafkatalog gehörte die tagelange Unterbringung in der Gästetoilette und der Zwang, 2.000 Kniebeugen zu absolvieren. Einmal zog die Pflegemutter den älteren Jungen am Glied, da er angeblich immer mit einer Erektion über den Campingplatz lief, ein anderes mal würgte sie ihn, bis er fast die Kontrolle über sich selbst verlor, einmal drückte sie ihn so fest zu Boden, dass sie seinen Oberarm brach. „Als ich das gelesen habe, habe ich geschluckt“, bekannte der Richter: „Man muss sich vorstellen, welche Kraft auf den massiven Oberarmknochen ausgeübt werden muss, bis er bricht!“

Seelische Verletzung noch Jahre später spürbar

Die Maßnahmen würden eher an ein Bootcamp als an eine Familie erinnern. Die Kinder hätten bei den Pflegeeltern keinerlei Geborgenheit erfahren, so Feyerabend, der im Laufe der Urteilsbegründung mehrmals den Verdacht äußerte, das Pädagogenpärchen hätte die Pflegekinder nur aus finanzieller Motivation aufgenommen. „Es war jetzt noch die Verletzung spürbar, als einer der Jungen schilderte, wie er einmal seinen Pflegevater umarmen wollte und dieser ihn schroff abwehrte.“ Der Mann habe ausgesagt, wer sich auf solch körperlichen Kontakt einließe, stünde doch mit einem Fuß im Gefängnis. Der Richter wollte das nicht gelten lassen. „Zu zeigen, dass man etwas für die Kinder empfindet – dabei ist doch nichts! Setzt aber voraus, dass man dieses Empfinden auch hat, und die Kinder nicht als Geschäftsmodell sieht.“ Da es sich um „schwierige“ Kinder handelte, waren der Pflegefamilie etwa 1.000 Euro monatlich pro Kind gezahlt worden.

Richter: Pflegesohn ist uneingeschränkt glaubwürdig

Die Pflegemutter hatte bis zuletzt versucht, die Jungen als unglaubwürdig darzustellen. Sie haben ihr etwas anhängen wollen, da sie sie aus ihrer Familie genommen und ins Heim gebracht habe, so ihre Einlassung. In einem aussagepsychologischen Gutachten von rund 170 Seiten war jedoch die Aussagefähigkeit der beiden Jungen erörtert worden. Die Gutachterin hielt zumindest den Älteren für vollständig glaubwürdig. „Aus der Art seiner Schilderungen erkennt man, dass er erlebt haben muss, wovon er spricht“, resümierte der Richter. Aufgrund des jungen Lebensalters des Zeugen sei es undenkbar, dass er die Situationen anderswo als in der Pflegefamilie erlebt habe. „Ich folge ihm in jedem Punkt“, so der Richter mit fester Stimme. „Das Gutachten ist mit Blick auf seine Aussagefähigkeit eine 1+.“ Über diese Bewertung mussten die beiden Brüder lachen. Als sie den Gerichtssaal verließen, wirkten sie gelöst. Die Verurteilte dagegen brachte mit angespannter Miene und streng gespitzten Lippen ohne Worte, aber unmissverständlich, zum Ausdruck, dass ihr nach ihrer Einschätzung großes Unrecht widerfahren sei.

Der Artikel erschien erstmals 2011 in der Bonner Rundschau.

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