November 14, 2021

Mutter getötet: Schulfreund gesteht nach 20 Jahren

Am ersten Prozesstag hatte er noch geschwiegen. Am zweiten Prozesstag brach dann unerwartet ein Geständnis aus dem 37-Jährigen hervor: Seit fast zwei Jahrzehnten lebte er mit der Schuld, die Mutter seines besten Schulfreundes umgebracht zu haben.

von Johanna Tüntsch

Im Prozess um den Mord an einer Bonner Journalistin im Jahr 1992 machte der Angeklagte (37) gestern vor dem Landgericht überraschend doch eine über zweistündige Aussage, nachdem er zuvor am ersten Prozesstag alle Angaben verweigert hatte. Trotzdem die Tat fast zwei Jahrzehnte zurück liegt, war es zur Anklage gekommen, da die Polizei aufgrund moderner Analyseverfahren die DNA des Angeklagten im Umfeld des Mordopfers identifizieren konnte.

Als Freund des damals 17-jährigen Sohnes der Journalistin ging er bei ihr ein und aus. So auch in der Tatnacht, am 12. Juli 1992, als er über den Balkon in die Wohnung einstieg: Unter den Jungs sei das Usus gewesen, sagte er. Den Freund traf er nicht an, stattdessen aber seine schlafende Mutter, die allein zu Hause war. Er gab zu, dass er bereits in den Tagen zuvor viel darüber nachgedacht hatte, die Mutter des Freundes zu vergewaltigen, nachdem er unter dem Einfluss von Amphetaminen bei einem anderen heimlichen Besuch in ihrer Wohnung beobachtet habe, wie sie mit einem Mann im Schlafzimmer gewesen sei.

Täter lebte 20 Jahre mit verräterischer Biss-Narbe

Nach einer Feier mit Freunden sei er in der Tatnacht, unter dem Einfluss von Alkohol, Haschisch und Amphetaminen, in das Zimmer des Freundes eingestiegen, der aber nicht zu Hause gewesen sei. In dessen Zimmer habe er seine Hose ausgezogen, die im Regen nass geworden sei und die er zum Trocknen habe aufhängen wollen. Mit einer Mütze und einem Tuch habe er sich maskiert und sei in das Schlafzimmer der Mutter gegangen.

„Sie wachte auf und schrie sofort. Ich stürzte mich auf sie und hielt ihr den Mund zu. Sie biss mir in die Hand“, so sein Bekenntnis. Er gab zu, dass die bissförmige Narbe, die er zwischen Daumen und Zeigefinger trägt, und über die im ersten Prozesstag ein gerichtsmedizinisches Gutachten abgegeben wurde, von jener Auseinandersetzung stamme. Um die Gegenwehr der Frau einzuschränken, habe er sie mit dem Bettzeug fixiert, das er um einen ihrer Arme und den Kopf verknotete. Laut Anklage soll sie dadurch später erstickt sein, was laut gerichtsmedizinischem Gutachten möglich, aber nicht eindeutig zu beweisen ist.

„Was hast du verbrochen, dass du dich so kaputt machst?“

Im Zuge eines Gerangels, bei dem er sie mehrfach schlug, um seine Hand zu befreien, und bei dem sie schließlich bewusstlos wurde, seien sie beide vom Bett gefallen. Er habe dann versucht, seine sexuellen Absichten in die Tat umzusetzen, was jedoch nicht möglich gewesen sei: „Ich war überhaupt nicht erregt.“ Er habe schließlich nur noch weggewollt, habe Mütze und Tuch im Zimmer des Freundes gelassen, seine Hose angezogen und sei irgendwie nach Hause gekommen. „Ich dachte, wenn ich weg bin, wird sie wieder wach und kann sich selbst befreien.“ Als er einige Tage später erfuhr, dass die Frau gestorben sei, habe er gedacht: „Das darf nicht wahr sein.“

Er beschrieb die Tage und Jahre danach als einen Albtraum: „Schlechtes Gewissen, Schuldgefühle, Sinnlosigkeit. Ich habe nicht nur ihr Leben zerstört, sondern auch mein eigenes.“ Er habe am liebsten sterben wollen. „Aber ich wollte, trotz allem, für meinen Freund da sein, und ich wollte auch nicht noch mehr Leid für meine Familie anrichten“, bekannte er. Die ersten Jahre nach der Tat habe er nur mit Drogen ausgehalten. Unter Tränen erinnerte er sich daran, wie sein Freund selbst ihn gefragt habe, was mit ihm los sei, und wie eine Freundin fragte: „Was hast du verbrochen, dass du dich so kaputt machst?“ Die Antwort, die er sich selbst in seiner Aussage gab: „Das ist eine Riesenschuld. Ich werde nie die Worte finden, um Verzeihung zu fragen.“

Der Artikel erschien erstmals 2012 in der Bonner Rundschau.

Da der Angeklagte zum Tatzeitpunkt erst 18 Jahre alt war, wurde bei der Urteilsfindung nach dem Jugendstrafrecht entschieden. Eine Tötungsabsicht konnten die Richter nicht feststellen. Der Mann wurde somit wegen versuchter Vergewaltigung mit Todesfolge sowie Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt zu einer Haftstrafe von fünf Jahren verurteilt.

Consent Management Platform von Real Cookie Banner